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Ost und West · 1906-04-01 · Heft 4 (April 1906) · p. Seite 259 - 260

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 4 (April 1906)
Article
Der jüdische Essay
Date
1906-04-01
Page
Seite 259 - 260 (sequence 3)
Language
German
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259 Fabius Schach, Karlsruhe: Der jüdische Essay. 260 und seine Poesie ist nie dem Leben ganz entrückt. Eine strenge Trennung zwischen Intellekt und Empfindung, zwischen Wille und Vorstellung hat hier kaum jemals stattgefunden. Daher findet der Jude leichter die Mitte zwischen trockener Gelehrtheit und gezierter Oberflächlichkeit. Diese Mitte ist der Essay, der berufen zu sein scheint, die jüdische Psyche zu beleben und ihre Eigenart schöpferiscr zu gestalten. Und doch haben wir auf dem jüdischen Gebiete heute noch kaum die Anfänge des Essays. Ja. wir haben unter den Essayisten par viele Juden, nur schreiben sie keine jüdischen Essays. Unter den speziellen Forschern der jüdischen Wissenschaft im vorigen Jahrhundert ist Heinrich Gr ätz der einzige, der nicht trocken ist. Und es ist kein Zufall, dass er, zugleich der einzige ist, der sich der jüdisch-nationalen Weltanschauung nähert. Er will eben nur Jude sein und er legt seinem prächtigen jüdischen Temperament keine Zügel an. Die Objektivität seiner Geschichtsforschung mag darunter gelitten haben, aber dass diese Geschichte die einzige ist, die auch gelesen wird, verdankt sie diesem Vorzuge. Grätz aber wollte keine Essays schreiben, weil er sich selten mit der Gegenwart befasst. Seine Domäne ist die Vergangenheit, die er freilich lebendig und frisch gestaltet. Lazarus, der Meister des Eleganten, und Steinthal, der »Sucher der Tiefe, nähern sich schon mehr dem Essay, ohne aber wirkliche Essayisten zu sein. Lazarus kokettiert zu sehr mit dem Professor der Psychologie, um Künstler zu sein. Er ist stets elegant, aber zu klassisch, um modern zu sein. Es ist in allem, Avas er schreibt, eine Abgeklärtheit, die oft gekünstelt erscheint und daher keine künstlerische Wirkung aufkommen lässt. Steinthal ist bei der Erafssung auch des einfachsten Problems gründlich, unheimlich gewissenhaft, und dabei ungemein fein, aber er dringt zu sehr in die Tiefe, als dass er auch dem Laien etwas hätte bieten können. Seine Aufsätze sind prächtige Gedankengruppen, reich an Beobachtungen und feinen Bemerkungen, reich an Anregungen und Belehrungen aller Art, aber — Essays im modernen Sinne sind sie nicht, weil ihnen die pulsierende Kraft, das unmittelbare Schöpfen aus dem Leben fehlt. Vom ganzen Heere der wissenschaftlichen Journalisten und predigenden Leitartiklern will ich ganz schweigen. Sie sind so fern vom Essay, wie das Handwerk von der Kunst. Die jüngeren Schriftsteller versuchten ihre Kraft gar nicht, sie betraten dieses Gebiet nicht einmal, weil es ihnen zu aussichtslos erschien. Die jüdischen Zeitungen waren meistens nicht auf dem hohen Niveau, den modernen Essay mit Liebe und Verständnis pflegen zu können. Die grossen allgemeinen Zeitungen und Journale aber hatten für alles Platz, nur nicht für jüdische moderne Gedanken. Es galt ja als nicht ..liberal," als „rückschrittlich," daran zu denken, dass es auch eine jüdische Seele und nicht nur eine jüdische Konfession gibt. Erst in den ersten Jahrgängen der Herrzel'schen „Welt/4 als sie noch von inoffizieller Frische und inoffiziöser Kraft war, finden wir die An fange des j üdischen Essays. Freilich wurde hier, wie immer in Wien, noch zu sehr feuilletonisiert, aber hie und da dringt doch die Schlichtheit, die Kraft und die Schönheit des jüdischen Essays durch. Später fand der jüdische Essay eine Zufluchtsstätte in „Ost und West" und im „Jüdischen Almanach." Hier wurde der Essay mit Liebe kultiviert, und er kam hier jedenfalls eine gute Strecke weiter, wenn er auch noch fern von künstlerischer Vollendung blieb. Erst also im national-jüdischen modernen Milieu konnte der Essay aufblühen. Das ist kein Wunder, das liegt in der Natur der Sache. Die Juden Westeuropas und speziell Deutschlands wissen nur von einer jüdischen Religion, aber nicht von einem jüdischen Leben. Judentum und Deutschtum sind ihnen zwei Welten, die oft nebeneinander laufen und oft einander befehden. Sie machen einander Konzessionen, aber eine innere organische Verschmelzung hat nicht stattgefunden. Es fehlt die Brücke zwischen dem jüdischen und modernen Leben, weil es an einer modernen jüdischen Kultur gebricht. Es gibt in Westeuropa moderne Juden r d. h. Juden, die daneben modern sind, die irgend einen Modus vivindi gefunden haben, mit dem Judentum fertig zu werden. Es gibt aber hier selten Juden, die jüdisch-modern denken und fühlen. Solche, deren jüdische Eigenart mit dem modernen Denken eine dauernde glückliche Verbindung eingegangen ist, findet man selten. AVir haben hier jüdische Gelehrte, d h. Juden, die jüdische Wissenschaften treiben, aber keine jüdischen Gebildeten oder jüdischen Künstler, d. h. solche, in denen die jüdische Seele lebt und leuchtet. Der Boden, auf dem diese Pflanze gedeihen könnte, ist noch nicht von wahrer innerer Freiheit gedüngt, und es fehlen auch noch die Gärtner, die diese Pflanze mit Liebe und Sachverständnis pflegen. Daher konnte nur die Zeit der nationalen Wiedergeburt den Essay bringen, und nur mit dem Erstarken des jüdischen Kulturlebens kann der Essay eine glänzende Entwickelung nehmen. Und auch das war kein Zufall, dass es meistens Juden des Ostens waren, die mit Freuden den Essay zu ihrem Instrument wählten. Nur osteuropäische Juden, die mit westeuropäischer Bildung und mit modernen Anschauungen durchtränkt sind, konnten die Gärtner dieser neuen Blume werden. Denn nur sie sehen noch das Leben durch das Temperament eines jüdischen Künstlers, nur sie leben unmittelbar ein jüdisches Leben. Hier ist der Strom der inneren Entwickelung ungehemmt, hier ist der geistige Stoffwechsel rege, und ganz unbewusst legen sie das Alte ab und konzipieren das neue. Die westeuropäischen Juden wissen gar nicht, wie sehr ihnen die Berührung mit ihren Brüdern des Ostens not tut. Einst haben sie Kantorn und Eabbiner von dort bezogen, .jetzt soll ihnen der Osten, was heute dringender ist, moderne, jüdische Kulturträger bringen. Die Anfänge der jüdischen Kunst, des jüdischen Dramas und des Essays, —. sie alle weisen nach dem Osten hiu.

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