Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 4 (April 1906)
- Article
- Der jüdische Essay
- Date
- 1906-04-01
- Page
- Seite 257 - 258 (sequence 2)
- Language
- German
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257 Fabius Schach, Karlsruhe: Der jüdische Essay. 25S einem künstlerisch-wissenschaftlichen Problem individuell beizukommen. Er geht von der Einheit der Gedankenwelt aus und er strebt neben dem Wahren nach dem Harmonischen, nach dem Schönen. Nur die neue Zeit konnte den Essay erzeugen, weil erst wir moderne Menschen die künstlerische Form bei der Gedankenwelt zu würdigen und zu lieben gelernt haben. Nur in einer Welt, in der die Sehnsucht nach Schönheit wieder wach geworden ist, konnte der ßssay heimisch werden. Er kam aus England und Frankreich, aus Ländern, in denen die Philosophen sich nicht schämten, Künstler zu sein. Aus Ländern, denen wir einen Hippolite Taine und einen John Ruskin verdanken. Unser Geschlecht sollte diesen Ländern für diese neue Form ebenso dankbar sein wie für die so vielen Anregungen auf dem Gebiete der Architektur, der Malerei und der Bildhauerei. Denn die Form entspricht wie kaum eine andere dem Geiste unserer Zeit. Und darum ist sie auch bei uns in Deutschland so schnell heimisch geworden. Wie wir heute in der Kunst und im Leben durch Schlichtheit der Natur näher zu kommen suchen, so auf dem gedanklichen Gebiete durch den Essay. Der Essay ist ja im Grunde die Verschmelzung von Kunst und Gedanke, von Geist und Schönheit. Er bedeutet: eine Gedankenwelt durch das Naturell des Künstler geschaut. Er ist eine ganze Welt; nichts Zerrissenes, nichts Zerklüftetes haftet ihm an, er ist eine fertige, abgerundete Welt im Kleinen. Wir Modernen haben uns eben von dem auf uns lastenden Epigonentum befreit. Wir suchen eigene Wege, eigene Ziele. Wir emanzipierten uns auch von den hemmenden Schablonen und den wuchernden Phrasen einer steifen, unfruchtbaren Zeit. Lange genug ward uns das verlogene Wort Objektivtät zum Fluche, bis wir endlich den Mut fanden, damit aufzuräumen. Die Objektivität war ein langer Zopf, der unsern Schwung hemmte, eine beengende, tötende Nüchternheit, Wir haben endlich dieses falsche Wort, hinter dem nichts als philisterhafte Impotenz steckt, in die Rumpelkammer geschickt. Wir wollen keine „absoluten ewigen Wahrheiten," wir wollen die Wahrheiten suchen, die unserer Zeit und unserem inneren Wesen entsprechen. Dafür ist der Essay die glücklichste Form. Er zeigt uns, wie die geistige Welt sich im Kopfe eines künstlerischen Denkers abspiegelt. Er offenbart uns die Erscheinungen des Lebens im Lichte eines Schönheit- und Wahrheitsuchers. Wir begleiten ihn gern und geniessen auf diesem Spazierweg den Ausblick auf die Höhen und den Einblick in die Tiefen des Lebens, ohne besondere Brille, ohne schwere Bergstiefel, ohne hässlichen Bergstock und ohne lästigen Rucksack. Wir spazieren mit zierlichem Stock, mit klarem Auge, im leichten Gewände, wir pflücken Blumen, plaudern angeregt, berühren manchen Gedanken, ohne zu ermüden, ohne uns zu langweilen. Wir bezwingen dabei wohl nicht, die höchsten Berge, aber wir wollen auch keine kahlen Höhen, die niedrigen Gipfel siud viel anmutiger und reizvoller. Das ist der Essay, die gedanklich-künstlerische Form des modernen Lebeus. Die Form des modernen Lebens aber ist auch die Form des modernen Juden. Der Jude, soweit er sich überhaupt mit geistigen oder künstlerischen Dingen als Schöpfer oder auch nur als Geniesser befasst, gehört fast überall zu den modernsten Elementen. Wir Juden fühlen unmittelbar den Puls der Zeit, wir spüren jede Schwingung des Zeitgeistes am schnellsten. Vielleicht darum, weil wir kulturell noch in der Luft hängen, weil man uns nicht Zeit lässt, eine Kulturepoche bis zur Neige auszuleben. Unsere eigentliche Heimat ist seit zweitausend Jahren eine rein geistige. Wir lechzen, wie kein anderes Volk, nach Harmonie, nach seelischer Betätigung, und wir suchen sie in jeder neuen Bewegung. Uns fehlt die innere Sesshaftigkeit, daher sind wir stets die Apostel des Neuen, die Pioniere des Modernen. Man bewegt sich leichter, wenn man nicht mit dem Boden verwachsen ist. Wir fliegen schneller, weil uns die Behäbigkeit des Stammtischpolitikers, die Bleischwere des biedern Philisters fehlt. Jeder Kulturfortschritt ist eiue Uebenvindung des Alten, ein ewiges Zerstören, um neu aufzubauen. Wir Juden überwinden leichter, wir besitzen nicht die Schwerfälligkeit des Germanen, nicht die Verweichlichung des Romanen, nicht den Fatalismus desSlaven, nicht die schlaffe Verträumtheit des Orientalen. Wir besitzen von allen nur etwas und in eigener Färbung, wir sind ein psychisches Mixtum compositum. Wir haben nicht am Ballast veralteter Formen und überlebter Wahrheiten zu tragen, wir sind leichter beweglich. Daher sind wir ein modernes Element kat exochen. Es ist kein Zufall, dass man in jeder politischen und geistigen Revolution, in jedem Aufleuchten neuer Lebensformen und neuer Kulturpfade die Juden so stark vertreten findet. Wir sind am meisten von der inneren Sehnsucht des Heimatlosen gequält und war stürzen uns in jede neue Richtung, um unsere innere Ruhelosigkeit zu betäuben. In der Politik, in Literatur und Kunst, — überall hören wir zuerst mit Entzücken auf die Verkündung neuer Wahrheiten und neuer Schönheiten. Und überall verrichten wir die wichtigste Vorarbeit, die Zerstörung des Alten, Morschen, Siechen. Wir verbrennen die Brücken hinter uns, um der Zeit die Möglichkeit des Rückschrittes zu nehmen. Wir haben uns daher auch als erste die neue Form des Essays zu eigen gemacht. Wir folgten dabei einem gesunden inneren Instinkt, Aveil wir fühlten, dass der Essay der Psyche des Juden am besten entspricht. Ja, für kein Volk vielleicht ist der Essay so sehr die richtige Form des künstlerischgeistigen Ausdruckes wie für uns Juden. Denn wir bilden ein seltsames Gemisch von Geist und Gefühl, und Leben und Traum, Dichtung und Wahrheit, oder richtiger: künstlerische und reale Wahrheit fliessen bei uns ineinander. Der Jude denkt oft mit dem Herzen und fühlt mit dem Geist. Seine Nüchternheit ist selten Unerträgliche Trockenheit