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Ost und West · 1906-04-01 · Heft 4 (April 1906) · p. Seite 261 - 262

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 4 (April 1906)
Article
Der jüdische Essay
Date
1906-04-01
Page
Seite 261 - 262 (sequence 4)
Language
German
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261 Fahrns Schach,. Karlsruhe: Der jüdische Essay. 262 Der jüdische Essay ist da, aber noch steht er am Anfang seiner Entwickeln«g, und es ist eine würdige Aufgabe der modernen Judenheit, ihn zu pflegen und zur Höhe seiner Entfaltung zu führen. An Stoff für den jüdischen Essay fehlt es uns wahrlich nicht. Das eigentliche Gebiet des Essays ist ja das Seelenleben, und die jüdische Psyche ist wie keine andere kompliziert und fein nuanciert. Noch ist das ganze Gebiet des jüdischen Innenlebens, das so lange vernachlässigt wurde, zu offenbaren. Das kann nicht durch die nüchterne Wissenschaft, sondern durch anregende und bereichernde Kunstformen geschehen: durch die Dichtung und durch •den Essay. Das Bedürfnis braucht nicht künstlich geschaffen zu werden, es ist latent vorhanden, es ruht an der Schwelle des Bewusstseins. Es muss mir wachgerufen und dann wachgehalten und vertieft werden. Nicht die jüdische Wissenschaft tut uns not, sondern die jüdische Bildung, die Renaissance des jüdischen Kulturlebens in moderner Gestalt. Anstelle der salbadernden moralischen Phrasen muss das wirkliche Leben treten. Wo bisher ein hohles Dilettantentum sich breit machte, soll in Zukunft die schöpferische Kunst treten und ohne zu beschönigen und zu moralisieren, ohne zu verteidigen oder anzugreifen, die Natur in ihrer ganzen Kraft darstellen. Die alten Hindernisse des Ghetto und der späteren unfruchtbaren Nachahmungsperiode, die uns den Weg zur Natur und zur Kunst versperrten,, schwinden allmählich. Sorgen wir dafür, dass keine neuen sich auftürmen, dass die Bahn frei bleibt. Uns Juden tut wie vielleicht keinem Volke eine Vertiefung der Psyche nach der künstlerischen Seite, eine Festigung des Innenlebens not. Die Entfaltung unserer Individualität, das Ausleben unserer manigfaltigen Kräfte, — das ist unsere wahre „Mission." Wir bedürfen dieser Renaissance, um zu leben, um zu bestehen, und die neue Zeit muss sie uns bringen. JSicht in der Synagoge ruht die Zukunft des Judentums und auch nicht in der politischen Bierstube, sondern im Tempel der jüdischen Kultur, wo die jüdische Eigenart thront und neue Kräfte schafft und neue Schönheiten zeugt. Nicht rückwärts, sondern vorwärts treibt unser Leben, nicht das Uebeiiebte, sondern das voranleuchtende Neue ist unser Element. Wir wollen ein modernes Leben führen, jawohl, aber — unser modernes Leben. Verknöcherung und hohle Nachahmung, das sind die gefährlichen Klippen, durch die wir unser Kulturschifflein laugsam und sicher geleiten müssen, um zum Licht und zur wahren Freiheit zu gelangen. Unser Ziel ist: eine sichere Heimstätte für die jüdische Volksseele. MORITZ STEINSCHNEIDER. Von Arthur Biram. Nachdruckverboten. Moritz Steinschneider wird .*.)() -Jahre alt. Die besseren Tageszeitungen, die Blätter der grossen gebildeten Menge, die Steinsehneider auch in ihren jTidisch-wissenschaftlichen Vertretern stets abgelehnt hat, feiern ihn. Und die jüdischen Zeitungen, die ihn einst einen „Katalogisten" und ^Xotizenkrämer* gescholten, die noch von seinem 70. Geburtstag keine Xotiz genommen — und er hatte schon damals in Leben und Werken Grosses geleistet — die ergehen sich jetzt in begeisterten Dithyramben. Wir wollen versuchen, in einigen Zügen sein Lebenswerk zu verdeutlichen, denn ein Bild seines Wesens zu zeichnen, können wir nicht wagen. Wer das will, der muss Steinschneiders .Lebensgang im Zusammenhang der allgemeinen und der siteziell jüdischen Kulturentwicklung, der allgemeinen und der jüdischen Geschichte' des Iii. -Jahrhunderts betrachten, der muss in sich all die reizvollen, vielfach pointierten, immer neu nuancierten Aeusserungen aufgenommen, zum lebendigen Bilde gefügt haben, in denen Steinschneider in den Einleitungen seiner grossen Werke, in den 23 -Jahrgängen der Hebräischen Bibliographie seine Anschauungen über Welt, Wissenschaft und Judentum ausgesprochen hat. Denn Steinschneider spricht nicht nur in seinen Werken zu uns, er hat sich in literarischen Aeusserungen, im persönlichen Verkehr vielfach selbst interpretiert. Steinschneider hat — keiner darf es als Uebertreibung zurückweisen — die jüdische Wissenschaft geradezu fundiert, die Erforschung des jüdischen Mittelalters möglich gemacht. Als er im Jahre 1850 auf etwa 110 Quartseiten in der Ersch und (1 ruberschen Enzyklopädie der Wissenschaften seinen Artikel über ...Jüdische Literatur" schrieb, da war er der erste, der diese weitsclnehtige, über viele -Jahrtausende, alle Kultursprachen und alle Wissensgebiete sich erstreckende Literatur., der .-Juden in grosse]-, umfassender Konzeption verbunden mit .gewissenhafter Detaildarstellung in einem •grossen Autriss zu entwickeln versuchte, überall selbst forschend, überall die vielseitigen Aufgaben jüdischer Wisseuschaftsarbeit feststellend. Durch seinen, .1800 erschienenen, ca. 1400 'Kolumnen umfassenden Katalog der hebräischen Druckschriften der Oxfbrder Bodlejanischeii Bibliothek, der Frucht 13-jähriger Arbeit, hat Steinschneider uns dann die Möglichkeit gegeben, uns über jeden jüdischen Schriftsteller zu informieren, die Quellen kennen zu lernen, die über ihn von frühester. Zeit an bis in die durch viele -Journale geschleppten Detailuntersuchungen Kunde geben. Dort erfahren wir all die Werke jüdischer Schriftsteller, wann und wo sie gedruckt, wo sie handschriftlich vorhanden sind. Auch hier ein ungeheurer SanuueVfieiss verbunden mit selbständiger chronologischer und bibliographischer Forschung, für uns aber allesamt , die wir uns' mit jüdischer Wissenschaft ehrlich und tendenzlos, ohne.'Phrasen und nicht zum Zwecke von Vereinsvorträgen beschäftigen, der grosse Wegweiser durch die jüdische Literaturgeschichte. Doch innerhalb der allgemeinen jüdischen Litteraturgeschichte, für die er in diesen Werken Grundlinie' und Fundament gegeben, hatte Steinschneider schon längst sein spezielles Arbeitsgebiet gefunden, auf das ihn die Arbeit an dem Enzyklopädieartikel immer mehr und

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