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Ost und West · 1906-04-01 · Heft 4 (April 1906) · p. Seite 253 - 254

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 4 (April 1906)
Article
Kain und Abel in der bildenden Kunst
Date
1906-04-01
Page
Seite 253 - 254 (sequence 5)
Language
German
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253 G. Kutna: Kain und Abel in der bildenden Kunst. 254 oben. Sie ist mädchenhaft jugendlich, die Falten ihres losen Gewandes fallen weich nach unten und geben die „schöne Linie'* und die sanfte Harmonie, wie die Zeit es liebte. Adam neigt sich wie ein sentimentaler Liebhaber zu ihr und fasst sie beim Arm. Alles menschliche Pathos ist metrisch gebunden und menschliches Wesen kulissenhaft in der Erscheinung. In „Abels Begräbnis" (gestochen von A. Conti) bekundet sich derselbe unwahre Lyrismus. Adam trägt den Sohn auf der Schulter und blickt schmerzvoll drein. Eva geht hinter ihm her. Sie hält die Hand vor das Gesicht, mit der anderen bedeckt sie graziös die zarte Brust; das flatternde Fell, das sanft bewegte Haar geben ihren. Bewegungen eine deutliche sinnliche Nebenwirkung. Ein süsslich-sinnliches Blatt dieser Art hat auch C. A. Porporati im Geiste des Adriaen van der Werff geschaffen. Zu malerischer Dramatik hat in der Gegenwart ein Franzose die Szene ausgestaltet. Gaston Renault setzt die Gruppe in lebhaft bewegte Silhouette inmitten einer (lämmerfernen Landschaft. In geistreicher Gruppierung fasst Adam den sinkenden Abel, der brechenden Auges zu uns, nicht ohne Pathetik, hinausblickt. Adam wendet seinen schönen, feurigen Kopf in die Ferne, Eva neigt sich in prangender Nacktheit zum Sohne und blickt ihm ängstlich fragend ins Antlitz. Es sind wohl Menschen von wilder Schönheit und grossartiger Bildung. Aber da sie uns stehen und ihre Tragik K. GEBHARDT. OELGEMAELDE. Kain und Abel. — — - rrjrm^W-t ^'••V KÜfe:^' ■ ■ &**^:%;-^ ' :- - " •' ■ ' ^^^^^1 w '1 ■" -. ....... mm&mM0*r^ ■ ■ ■ ^S*,. ...Ijiiwr-- WJT-- '' '*'"'— ■' ' ■ ^< ■ ^J^^ ::}:--^ %*y H \ *, ^^^jS^ 4 r- 1... p **v"rf"r- ' GASTON RENAULT. OELGEMAELDE. Adam und Eva an der Leiche Abels. erleben, werden wir nicht ergriffen von Menschenleben und Menschentod. Wir stehen nicht sinnend da, wir blicken erwartend hin, — wir erwarten Szenenwechsel. Aehnlich in der Motivfassung und Gruppierung, doch weichlicher ist dieselbe Szene auf einem Bilde von Erich Correns gegeben. Zartsinniger in der Auffassung als der Franzose, lässt er Adam auf den Sohn blicken, der mit geschlossenen Lidern daliegt. Das weitere Schicksal Kains, das Werden der Kultur und die sittliche Entwicklung der adamitischen Geschlechter hat die Kunst in breiten Schilderungen nach freier Willkür ausgemalt. In fernem Land wird Stein auf Stein gesetzt, Hütte reiht sich an Hütte, Städte und Gemeinschaften entstehen. Das Kains - geschlecht schmiedet Schwerter, Flöten und Schalmeien klingen auf den Hügeln, Herden ziehen über den Steg.' Die Sethiten bauen Altäre und sind gottesfürchtig und fromm. Wohlstand und Lust wachsen um die Hürdej und mit dem Genuss steigt die Begierde. Des Menschen Macht wächst an, er vergisst Demut und Ehrfurcht Die Söhne Gottes mengen sich mit dem menschlichen Geschlecht, der Mensch berührt sich mit der Gottheit. Allein das ist Sünde wider- Gott, und der Tod pocht an die Pforte, hinter der die Menschheit in Verirrung taumelt. Kain als Kulturgründer und Städtebauer ist ein Motiv, das mehr der Kleinkunst eignet. Joh. Sadeler d. Ae. hat diese Historien nach M. de Vos in sittenbildlicher Darstellung illustriert; auch das Leben der Kainssöhne als Hirten, Waffenschmiede und Musiker hat er in Sittenbildern und Genreszenen ausgemalt. Aehnlich schildert Schnorr die „Auswanderung der Kainisten". Charakteristisch ist hierbei, dass auch die Illustrationen eine Naivität der kulturgeschichtlichen Auffassung bekunden, die ihnen eine kindliche Poesie verleiht. Bei dem' Recken Lamech hat die Kunst allerlei phantastische Deutungen seines Racheliedes in der Exegese ■ vorgefunden, nach denen sie sich eine bildsame Vorstellung von seiner Person machte. In der

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