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Ost und West · 1906-04-01 · Heft 4 (April 1906) · p. Seite 255 - 256

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 4 (April 1906)
Article
Kain und Abel in der bildenden Kunst
Date
1906-04-01
Page
Seite 255 - 256 (sequence 6)
Language
German
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255 G. Kutna: Kain und Abel in der bildenden Kunst. 255 "Kirche ist der „gerechte Lamech" der fromme Typus, seine Frauen dagegen bedeuten als Vorbilder des Heidentums und der Synagoge sündige Verspottung der Kirche, [n späterer Zeit wird Lamech als der Mörder Kains □ach der Hagadah dargestellt, wie er als Blinder von dem führenden Knaben (Tubalkain) veranlasst wird, auf den greisen Kain den Pfeil abzusenden, da der Knabe diesen von fern für ein Tier hielt; darauf habe Lamech in seinem Zorn auch den Knaben getötet. Piero di Puccio hat ein Fresko mit diesem Gegenstand im Campo Santo in Pisa, Lucas van Levden einen Stich (1524). Als fromme Männer der Urzeit stellte man vom Kain-Stammbaum Iubal, den Erfinder der Musik dar, Enosch, der Sohn Seths wird als Prediger vor einer frommen Zuhörerschaft dargestellt (Gen. 4,26), Chanoch des Seth-Stammbaums, das Vorbild der Himmelfahrt (Armenbibel), erscheint als der fromme Gottesmann mit Nimbus oder als der tugendbeflissene Familienvater, in dessen Haus Liebe und Wohltätigkeit geübt werden (J. Sadeler). Die sündige Menschheit und die Gottessöhne werden in Form arkadischer Szenen mit gefälliger Erotik verbildlicht, oder man verkörpert in ihnen üppige Daseinslust und verführerische Körperschönheit. Im Hintergrunde ist zuweilen die Familie Noahs bei Opfer und beschaulicher Andacht sichtbar. Man fasste die Sintflut in Zusammenhang mit den „Engelehen" und den Sünden des Riesengeschlechts als deren Folge auf und illustrierte damit einen fromm didaktischen Hinweis auf die Folgen der Zukunft oder gab durch den Gedanken des apres nous le deluge der Orgie einen pikanteren Reiz. DER JUEDISCHE ESSAY. Von Fabitis Schach (Karlsruhe). Nachdruck verboten. Die Form, in der eine Gedankenwelt auftaucht, ist ebensowenig bioser Zufall, wie die Zeit, die sie gebiert. Jede Blume und jede Frucht ist ja vom Klima und von der Jahreszeit abhängig. Sie kann nur unter gewissen Sonnenstricheu und mir zu bestimmten Zeiten blühen und gedeihen. Wie sollte es auf. dem Gebiete des Geisteslebens anders sein? Aber — in der Natur gibt es keinen Zufall, und im Geistesleben bezeichnen wir alles, wo uns der Zusammenhang fehlt, wo wir die Kette von Ursache und Wirkung nicht zu sehen vermögen, als Zufall. Hier wie dort aber waltet mehr oder weniger sichtbar das Gesetz der ewigen Entwicklung. Hier wie dort muss erst alles ausreifen, bis es zur Vollendung gelangt. Hier wie dort muss alles ringen, um die richtige Lebensform zu finden. Es ist auch falsch, die Form als etwas Aeusserliches, vom Inhalt Losgelöstes, zu betrachten. Sie ist überall da, wo es sich um etwas Schöpferisches handelt, ein Teil des Wesens. Schon bei der modernen Dame ist die Kleidung, künstlerisch und individuell aufgefasst, ein Teil des Wesens. Bei einer Blume ist Kleidung und Duft zugleich Leben und Wesen. Form und Inhalt fliessen beim organischen Leben stets ineinander, so, dass wir die Grenzen nicht feststellen können. Im Reiche der Ideen ist eigentlich nur die Form etwas sich erneuerndes, blühendes. Was ist neu in der Gedankenwelt? Nichts. Der Gedanke besteht, wie alles, aus Atomen, die stets vorhanden waren und sein werden. Die Form nur wandelt und wächst wie das Leben. Und wie der Bildhauer, der Tonkünstler ein eigenes Werk geschaffen hat, wenn er die Einzelheiten zu einer Harmonie formt und ihnen seine Individualität einprägt, so hat auch der Denker etwas Neues, Eigenes geschaffen, wenn er eine Wahrheit neu gestaltet, ihr sein. Wesen aufdrängt. Nur in der Form liegt die Subjektivität, nur in ihr ruht der Reiz des Neuen. In der Form liegt die Kunst, und die Kunst allein ist schön und originell. Freilich muss mau den Begriff Kunst hier weit fassen Es ist eine reine Willkür, wenn man nur dem Lyriker, dem Dramatiker und allenfalls noch dem Ramancier das Adelsprädikat Künstler einräumt. DerFeuilletonist, der Kritiker, ja der Philosoph, — sie alle können Künstler wie jene sein, wenn sie k ü n stl e r i s ch empfinden, wenn sie die Schönheit und die Harmonie mit der Seele suchen. Nicht im Was, sondern im Wie liegt die Kunst. Wo die Wissenschaft sich dem Leben nähert, dem Leben der Natur oder dem Innenleben, wo sie sich nicht ganz in trockenen Einzelheiten verliert, überall da wird sie zur Kunst, zur schüchternen oder fertigen, zur leuchtenden oder düsteren Kunst. Nietzsches Zarathustra ist bei aller Tiefe so sehr Kunst, dass er sich nicht nur der Poesie, sondern sogar der Musik nähert. Je weiter wir zu einer harmonischen, modernen Weltanschauung gelangen, desto enger wird das Band zwischen Kunst und Wissenschaft werden. Die vorigen Jahrhunderte kannten wohl Monographien und Abhandlungen, aber keine Essays. Das ist kein blosser NamenPiinterschiecLv Eine Monographie ist ein Bruchteil irgend eines wissenschaftlichen Gebietes. Sie wird mit dem Rüstzeug der Wissenschaft dargestellt und verfolgt dieselben Ziele wie die Wissenschaft. Sie wendet sich meistens nur an den Geist, nicht an das Reich der Empfindungen. Eine Abhandlung ist ein wissenschaftliches Kapitel, das nur darauf abzielt, ein bestimmtes Resultat zu erzielen. Sie geht auf das Ziel los, ohne die Schönheiten des Weges rechts und links zu betrachten. Der Essay ist ein künstlerischer Spaziergang, der sich an den Schönheiten, die am Wege ruhen, begeistert und berauscht. Ihm ist der Weg ebenso wesentlich wie das Ziel, ja, manchmal noch wichtiger. Er sucht den Gipfel, wohl — aber nur, um von dort einen herrlichen Ausblick auf die ganze Natur zu gemessen. Der Essay ist, wie schon das Wort sagt, ein „Versuch"',

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