Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 4 (April 1906)
- Article
- Kain und Abel in der bildenden Kunst
- Date
- 1906-04-01
- Page
- Seite 249 - 250 (sequence 3)
- Language
- German
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249 G. Kutna: Kam und Abel in der bildenden Kunst. 250 Ergänzung, Charakter und Lebenshaltung der Brüder so gegensätzlich zeichnet, dass der Brudermord zur letzten Notwendigkeit einer langen brüderlichen Gegnerschaft wird. In frühen Miniaturen und in Illustrationswerken späterer Zeit werden schon die Kinder in solchem gegnerischen Nebeneinander geschildert. Abel schmiegt sich weich an die Mutter, Kain steht abseits und sieht ihn mürrisch verächtlich an, oder er begleitet den Vater zu ' Mühsal; und Lust der. Arbeit und sieht mit verhaltenem Hohn auf den sanften Bruder zurück. . Dann geraten sie bei Spiel und Geschäftigkeit an einander . und Kain geht in kindlicher Rücksichtslosigkeit gegen den schwächeren Bruder los. Solche . Szenen erscheinen jedoch unwahr und psychologisch fehlgegriffen in einer Kunstgattung, die nach Gewicht und Würd e des hohen Stiles strebt. In der malerischen Komposition eines Ghiberti erscheint ein solches Motiv wie ein dekorativ gestimmter und doch wahrer Lebensausschnitt, bei der heroisch stilisierten Eva von Julius Hähnel wirkt dagegen das heute verstimmend. Die akademisch aufgefasste Mutter sitzt auf einem Fell und gibt Abel die Brust. An ihrer rechten Seite neigt sich Kain mit gemeinem Gesichtsausdruck vor und ballt die Faust gegen Abel. Evas Arm liegt schützend dazwischen, sie blickt auf Kain, erstaunt nachsinnend über diesen frühen Ausbruch eines solchen Affekts. Ihr loses Haar schwebt nach beiden Seiten nach unten, symmetrisch über beide, wie beiden zur schützenden Umhüllung. Alles lehrhaft deutlich und ebenso korrekt wie langweilig. Der Brudermord hat, wie alle Gegenstände der künstlerischen Darstellung, Bearbeiter gefunden, für die der Vorgang in erster Linie Gelegenheit bot zum Ausdruck rein künstlerischer Anschauung, Sie sahen weniger von der grossen Tragödie und waren mehr von bildnerischen Vorstellungen erfüllt; sie sahen darin die Schönheit ringender Körperkraft, elementarer Leidenschaft und Kampfestods. Sogar der sonst gedankenschwere Dürer hat das Motiv auf einem Holzschnitt (1511) so behandelt. In kräftiger Anspannung des Körpers hebt der muskelstarke, Kain die Axt gegen Abel, der furchtbar zu heulen beginnt. Kain hat in hässlicher Leidenschaft den Mund geöffnet und hat den Ausdruck kleinlicher Wut und unbezwinglicher Erregung. Abel liegt bereits am Boden und schreit in ohnmächtiger Todesangst. Noch will er sich wehren, ERNST DEGER. doch aus einer klaffenden Kopfwunde spritzt das. Blut hervor und ein zweiter Schlag saust eben hernieder. Auch Holbein betont in der Szene die leidenschaftlich erregte Bewegung (Holzschnittalphabet). Zu heroischem Schwung der Form wandeln Titian und Rubens die grauenvolle Tat. \ In grandioser Linienbewe- 5^ SunS kl^gt der Affekt volltönend, fast rhythmisch aus. - Die schöne Form in starker Bewegung ist, auch das eigentliche Thema in Tintorettos Bild in der Akademie in Venedig. Natürlich berechtigtscheint die artistische Behandlung bei dem sterbenden Abel in Bronze des Pitti- Palastes. Bei starker dekorativer Wirkung des jugendlichen Körpers .wirkt; der Ausdruck eindringlich in seinem tragischen Pathos. Schöne Beweglichkeit und gefälliger Heroismus haben in der späteren Zeit, besonders bei graphischen Künstlern den ersten Akzent. Jose Garcia und Josef Wagner haben Blätter solcher Qualität geschaffen, dazu mit übermässig rhethorischem Vortrag. In Schnorrs Bibel sind, die Bewegungsmotive durchweg klassizistische Anleihen, eigen ist nur die akademische Nüchternheit. Kain an der Leiche seines Bruders, das Grauen vor dem Tod und die Reue des Mörders, Motive von ergreifender Macht, sind von der Kunst weniger behandelt worden, als man vermuten sollte'. Die kirchliche Kunst hatte zu wenig Interesse, an solchen rein menschlichen Motiven. Ueberdies sollte ja; in Kain das Böse personifiziert sein, und menschliche Reue in unserem Sinne, eine Erlösung von innen heraus gibt es ja für die Kirche nicht. Die moderne Kunst dar gegen fand gerade darin einen starken Reiz und malte in Kain Gewissensqualen, Todesschauer und innere Gebrochenheit mit starker Eindringlichkeit aus. Ganz frei gegenüber dem Geist der Bibel, in welcher nur die Angst vor dem zürnenden Gölte ausgedrückt ist,, der Kain hinwegweist „von seinem Angesicht", ihn hinausjagt aus dem Lande seines Waltens zu den fremden, verderbenden Mächten der Wüste. Die Kunst dagegen zeigt ihn unmittelbar nach der Tat, da Angst und Wirrnis seine Sinne umfangen. Das Röcheln ist verstummt, schweigsam ist der Plan des Feldes, da fangen seine Augen an zu suchen, und die Sinne lauschen. Nichts regt sich ringsum, und doch hört er mitten in dem Schweigen Stimmen und drohende Laute. Das übertönt den Trotz und die Ungebärde, seine Seele ADAM UND EVA FINDEN DIE LEICHE ABELS.