Mannheim
Compact Memory

Ost und West · 1906-04-01 · Heft 4 (April 1906) · p. Seite 223 - 224

Scan of the page
Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 4 (April 1906)
Article
Neue Bahnen
Date
1906-04-01
Page
Seite 223 - 224 (sequence 4)
Language
German
Belongs to
article
OCR quality
94% known words query
IRI
…/2583875-2583943-2583948-2593389--06037-2593432
Visual Library
page viewer of the UB Frankfurt

No entity mentions on this page.

OCR text

223 Neue Bahnen 224 und der Orientierungsfähigkeit für den Kampf unis Dasein auszurüsten -— nicht aber dazu, dass sie, wenn sie später im Leben plötzlich einmal in die Lage kommen, sich bei irgend einem Gegenstand oder einer Gelegenheit des Auswendiggelernten wieder zu erinnern, mit einem erborgten, oberflächlich - theoretischen Scheinwissen, mit einer haltlosen, praktisch unverwertharen Halbbildung paradieren können. Man kann das Abstrakte einer Lehrmethode, die nicht auf die Erwerbung nützlicher Kenntnisse hinzielt, sondern dem äusseren Scheine dient, nicht schärfer beleuchten, als durch folgenden Passus aus derselben Schilderung: (Die Lehrerin hebt die beim Unterricht sich darbietenden Schwierigkeiten 'hervor). „Denken Sie sich, ieli stosse beim Unterricht auf das Wort „Wagen". Qu'est ce que c"est qivune voiture? Diese Frage kann mir keine Schülerin beantworten, da keine von ihnen jemals einen Wagen gesehen hat. Es gibt jteine Wagen in Tetuan!;t Es ist ein allgemein angewandter pädagogischer Grundsatz, dass der Elementarunterricht anschaulich durchgeführt werden und davon ausgehen müsse, dass die Schüler sich zunächst in ihrer unmittelbaren Umgebung klar orientieren können sollen, und dass von dieser Umgebung heraus für sie die übrige, weite Welt entwickelt werde. Pariser Unterrichtsmethoden und Pariser Fibeln scheinen eben nicht für Tetuan zu passen. Man denkt unwillkürlich an jene für den Salon erzogenen Zierpuppen, die mit allen Göttern und allen Nymphen der Mythologie bekannt sind, aber ein Roggenfeld nicht vom Weizenfeld und eine Linde nicht von einem Apfelbaum zu unterscheiden vermögen, und der Meinung sind, die Milch komme freilich von der Kuh, aber der Käse und die Butter vom Ochsen! Die Kleinen inTetuan sind vielleicht gar nicht imstande, sich in ihrer unmittelbaren Umgebung zurechtzufinden, an der sie sich im Leben auf Schritt und Tritt stossen werden. Was sollen ihnen nun die Fabeln von Lafontaine und die berühmte voiture, die sie nie gesehen haben? Ein noch auffallenderes Beispiel von Abstraktheit und Verkehrtheit des Unterrichts bietet die Schilderung, die derselbe Berichterstatter von der Alliance-Schule in Smyrna entwirft. Diese Anstalt ist eine der grössten und besten unter den Orientschulen der Alliance. Die G50 Schüler und Schülerinnen derselben sind in einem ziemlich grossartigen Gebäude mit luftigen, hohen Schul- und Arbeitsräumen untergebracht. An der Spitze der Anstalt stand damals Herr Pariente, welcher als einer der tüchtigsten und befähigtesten Schuldirektoren gegolten haben musste, da ihm nachher das schwierige und voran twortungsreiclie Amt eines Repräsentanten der Jewish Colonisation Association in Palästina übertragen worden ist. Der Direktor Parientc hatte sich aus den Zöglingen der von ihm gebildeten Anstalt eine Selekta herangezogen, deren Mitglieder, meist junge Leute von fünfzehn bis achtzehn Jahren, den Besuchern vorgeführt wurden. Herr Pariento wollte ihnen offenbar die stolzesten und reifsten Früchte seinerErziehungskunst zeigen. Glaubt man nun, dass jeder dieser jungen Leute etwa in irgend einer besonderen Kunst, in einem Handwerk, oder einem Gewerbe sich auszeichnete? Weit gefehlt! „Abgesehen von ihrer Muttersprache, dem Jüdisch-Spanischen, lasen, sprachen und schrieben sie reines Kastilianisch, Französisch, Hebräisch, Griechisch und Türkisch, also fünf Sprachen, die mit vier, oder eigentlich mit neun verschiedenen Arten von Schriftzeichen geschrieben werden." Ja, du lieber Himmel, sollen denn alle diese jungen Leute dermaleinst Professoren der vergleichenden Sprachwissenschaft, oder aber — — Fremdenführer, Connnis- Voyageurs, oder ähnliches werden?! Dabei bedenke man, dass alle die jungen Leute in einem Alter stehen, wo z. B. in Deutschland jeder Jüngling, insofern er nicht studiert, längst der Schule entwachsen ist und einen Beruf ergriffen hat, Die Alliance-Schüler in Smyrna sind nämlich nicht etwa Söhne wohlhabender Eltern. „Nur hundertfünfzig derselben sind imstande, ein massiges Schulgeld zu entrichten, der Rest wird auf Kosten der Alliance und der Gemeinde, welcher mehrere reiche Israeliten angehören, unterrichtet, mit Schulmaterial versehen, und man hofft, den Armen demnächt täglich eine oder zwei Mahlzeiten verabreichen zu können." Und dennoch sollen sie alle zu Mezzoffantis heran gezüchtet werden! Uebcr den reinen Bildungswert dieser Sprachenkenntnissc darf man wohl einige berechtigte Zweifel hegen. Was hier an Ausdehnung und Mannigfaltigkeit gewonnen wird, geschieht unzweifelhaft auf Kosten der Gediegenheit und Gründlichkeit. Abgesehen davon ist man in Europa längst davon abgekommen, dem Sprachenstudium als solchen, — wenn es nicht anderen, höheren Zwecken dienen soll, — eine grosse Bedeutung beizumessen. Was aber die Schule von

Text as recognised by OCR (ABBYY FineReader), without corrections. Entity mentions: TagMe (2021); their positions were matched to this text again.