Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 4 (April 1906)
- Article
- Neue Bahnen
- Date
- 1906-04-01
- Page
- Seite 221 - 222 (sequence 3)
- Language
- German
- Belongs to
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221 Neue Bahnen. 222 artige Anstalten unter den Juden des Orient wirken könnten. Freilich müsste hier mit der grössten Umsicht unter sorgsamer Berücksichtigung aller lokalen Bedürfnisse, sogar unter Schonung mancher Vorurteile vorgegangen werden. Allein der Erfolg, und würde er sich noch so spät einstellen, würde die aufgewandten Mühen reichlich lohnen. Ein weiterer Punkt, in welchem das Programm der Alliance einer Aenderung bedarf, ist das Unterrichtssystem der Elementarschulen. Hier tut ein grösserer Realismus, eine umfassende Berücksichtigung der praktischen Bedürfnisse des Lebens unbedingt not, Zunächst muss der sehr ausgedehnte französische Sprachunterricht zu Gunsten des deutschen oder des englischen, je nach Massgabe der wirklich vorhandenen praktischen Erfordernisse, eingeschränkt werden. Mit dem Sprachunterricht darf jedoch auf keinen Fall irgend welche politische Bestrebung verbunden werden. Auch darf der Sprachunterricht keineswegs darauf hinzielen, die Zöglinge zu französischen, deutschen, oder englischen Literaten heranzubilden. Der Sprachunterricht soll nur dem praktischen Bedürfnisse dienen und den Schülern im Leben das Fortkommen, den Kampf um eine ehrenhafte, nützliche Existenz erleichtern. Die Alliance-Schulen sollen ihre Zöglinge nicht zu Deutschen, Franzosen oder Engländern heranbilden, sondern zu jüdischen Kulturmenschen, die nützliche Bürger ihres Vaterlandes sind und ihr Leben durch ehrenhafte und nützliche Arbeit erwerben. Darum muss der Unterricht, besonders in den fremden Sprachen, auf das Notwendigste, nämlich auf das praktisch Verwendbare beschränkt werden, und dafür dem Unterricht im Zeichnen, in der Handfertigkeit, die auf das Handwerk vorbereitet, dann aber auch im Turnen, der grösstmögliche Platz eingeräumt werden. Ueberhaupt muss der theoretische Unterricht erheblich zurückweichen zugunsten des realistischen. Im jüdischen Volke hat stets ein grosser und reger Lerntrieb gelebt, und wenn ein jüdisches Kind aus der Schule nur die soliden Elemente eines theoretischen Unterrichts mitbringt so wird es dann, insofern das Leben ihm Gelegenheit dazu bietet, und die eigene Veranlagung es ihm möglich macht, selten verabsäumen, sich weiter zu bilden und sich so viel Wissen, als nur irgend- Avie möglich, anzueignen. Was dagegen an praktischem Unterricht in der Jugend vernachlässigt wurde, ist nie mehr nachzuholen. In den Schulen der Alliance scheint aber das entgegengesetzte System vorzuwalten. Es macht einen sehr bedenklichen Eindruck, wenn ein äusserst wohlwollender Reisender von der Schule in Tetuan folgende (im Jahresbericht der Alliance für 1901 zitierte) Schilderung entwirft: „Wir waren nämlich einfach sprachlos vor Ueberraschung. Da sassen die oft kränklich aussehenden, schlecht genährten Knaben und . . . beschrieben aus dem Gedächtnis die Geographie Afrikas oder Italiens, das Flussgebiet des Nil oder der Donau, besser als ein deutscher Gymnasialabiturient, und sie rasselten die Namen der Scherife oder Kalifen mit ihren Ummejaden und Almoraviden herunter, dass es eine Freude war . . . Allerdings besteht ein grosser Teil ihres Wissens in auswendig geernten Redensarten, Daten, Formeln u. s. w. und wohl nicht immer werden die Schüler das Eingetrichterte verstehen, aber sie lernen doch ihr Gedächtnis stärken, und wenn sie später einmal im Leben plötzlich in die Lage kommen, sich bei irgend einer Gelegenheit oder einem Gegenstande des Auswendiggelernten wieder zu errinnern, so sind sie auch imstande, das Erlernte praktisch zu verwerten." Fürwahr, dieser Hymnus klingt beinahe wie eine Satire. Von der Mädchenschule erzählt derselbe Berichterstatter: „Da drängt sich ein kleines Mädchen vor, das mit der Nase nicht bis zur Höhe des Pultes reichte, und ruhte nicht eher, bis es auf die Bank gestellt wurde, um uns eine Lafontainische Fabel vorzutragen, was sie unter allerhand angelernten Bewegungen mit höchst komischem Ernst tat. Wie errötete das Kind vor Stolz und Freude, als wir ihm lauten Beifall spendeten." Liest man solche Berichte, so fragt man sich unwillkürlich, ob es nicht viel gescheiter und zweckdienlicher wäre, wenn die oft kränklich aussehenden, schlecht genährten Knaben sich lieber in der freien Luft, etwa in einem Garten, herumtummeln und — Fangball spielen würden. Das würde ihnen jedenfalls im Leben mehr nützen, als die herabgerasselten Namen der Scherife oder der Kalifen mit -ihren Ummejaden und Almoraviden. Die Knaben sollen doch wohl keine Gymnasialprofessoren und keine gelehrten Stubenhocker werden. Man sollte meinen, dass der Schulunterricht dazu da ist, die Schüler für das praktische Lehen vorzubereiten, sie physisch und moralisch mit der nötigen Kraft