Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 4 (April 1906)
- Article
- Neue Bahnen
- Date
- 1906-04-01
- Page
- Seite 219 - 220 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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219 Neue Bahnen. 220 und zwischen diesen und der Zentrale unterhalten. Wenn dann die Delegierten der einzelnen Landeskomitees mit den Mitgliedern des Zentralkomitees zu . einer — regelmässig abzuhaltenden — Generalversammlung zusammentreten, so kämen sie nicht mehr unvorbereitet, sondern ausgerüstet mit genauen und detaillierten Kenntnissen über die einschlägigen Fragen. Anträge und Vorlagen könnten auf Grund eingehender Studien vorbereitet und diskutiert werden, so dass die Beratungen sich fruchtbar und wahrhaft erspriesslich gestalten würden. Eine derartige Organisation würde, nebenbei bemerkt, einem schwerempfundenen Mangel abhelfen, nämlich dem Mangel an einer öffentlichen jüdischen Meinung.inbezug auf die jüdischen Angelegenheiten, namentlich in fernen Ländern So oft irgendwo, in einem der Lancier, wo unsere Brüder permanent leiden, eine plötzliche Eruption der Verfolgungen oder des Elends eintritt, veranstalten wir irgendwo im Westen eine ad hoc berufene Versammlung, zu der oft gediegene und tüchtige, vom besten Willen beseelte Männer kommen, man bleibt einen oder zwei Tage beisammen, fasst ephemere Beschlüsse, die sich am nächsten Tage als unpraktisch und unausführbar erweisen und in alle Winde zerflattern. Eine nutzlose Vergeudung von Zeit und Kraft! Was frommt auch der beste Wille, was nützen Gediegenheit und Tüchtigkeit, wo eine genauere Kenntnis der Tatsachen, wo ein gemeinsamer Fonds von wohlbegründeten Anschauungen fehlt, auf denen man einen soliden Bau stützen könnte? Doch auf diesen Punkt werden wir weiter unten noch zurückkommen. Im Zusammenhange mit dem Prinzip der Dezentralisation steht eine weitere Forderung, die ebenfalls erwogen zu werden verdient, obgleich sie lediglich eine Einzelheit betrifft. Wir meinen die von der Alliance unterhaltene Ecole Normale Israölite Orientale zu Paris, jene Pflanzstätte, aus der die Lehrer und Lehrerinnen für die Alliance-Schulen im Orient hervorgehen. Es war ein sehr richtiger Gedanke, die Zöglinge dieser — übrigens vortrefflich und planvoll geleiteten -— Lehranstalt aus der jüdischen Jugend jener Länder sich rekrutieren zu lassen, in denen sie nachher zu wirken berufen sind. Die Zöglinge werden denn auch alle Jahre nach einem strengen Wettbewerb unter den ausgezeichnetsten Schülern und Schülerinnen der Elementarschulen des Orients und Afrikas ausgewählt, Sie stammen aus Rumänien, Bulgarien, der Türkei, aus Marokko, Tunis, Tripolis und Aegypten. Nach beendigten Studien an der Ecole Normale in Paris werden sie an den Schulen ihrer Heimatländer zuerst als Hilfslehrer, danach im Verhältnis der erlangten Erfahrung, als Direktoren angestellt. Gewiss ist dieses Lehrpersonal weit geeigneter in jenen Ländern erspriesslich zu wirken, als ein etwa aus dem Okzident stammendes, welches mit seinen europäischen Gewohnheiten, ohne Kenntnis der Sprache und der Sitten des Landes, inmitten der Bevölkerung, unter der es zu wirken berufen ist, sich fremd und entmutigt fühlen müsstc. Aber wozu müssen denn diese jungenLeute die vier Jahre ihres Studiums just in Paris verbringen? Ist die Kenntnis der Sitten und der Lebensweise an der Seine unbedingt notwendig, um als Lehrer im Orient erfolgreich wirken zu können? Man sollte eher meinen, dass vier Pariser Lehrjahre nicht gerade geeignet sind, einem nachher das Leben in einem persischen, bulgarischen oder marokkanischen Städtchen, in schwieriger und bescheidener Stellung angenehm und wünschenswert zu machen. Wäre es nicht viel zweckdienlicher, anstatt des einen Lehrerseminars zu Taris, drei oder vier in verschiedenen Ländern des Orients einzurichten, wo die Zöglinge ohne für Jahre hinaus aus ihrem natürlichen Milieu gerissen zu werden, ihre Studien vollenden könnten? Gewiss war diese zentralistische Unterrichtspolitik der Alliance mit schuld daran, dass man ihr imputierte, sie wolle vermittelst ihrer Schulen dem politischen Einfluss Frankreichs dienen. Die Errichtung solcher Pflanzstätten hölierenSchulunterrichts mitten unter der Judenheit des Orients und Nordafrikas hätte aber auch noch eine weitere, nicht hoch genug einzuschätzende Tragweite. Sie würden unmittelbar darauf hinwirken, die Juden jener Länder einer höheren geistigen Kultur zugänglich zu machen: sie würden ihnen ad oculos demonstrieren, dass ein geordneter Unterricht, das Studium europäischer Sprachen und Wissenschaften sich ganz gut mit der Treue für die Ueberlieferung und der Anhänglichkeit an das althergebrachte Judentum vereinen lässt; sie würden viele Vorurteile unter ihnen zerstören und den Sinn für edleres geistiges Streben wecken. An diese Lehrerseminarien Hessen sich mit der Zeit auch Rabbinerschulen angliedern, wie die Alliance selber schon eins in Konstantinopel errichtet hat. Es ist gar nicht abzusehen, wie. segensreich der-