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Ost und West · 1906-03-01 · Heft 3 (März 1906) · p. Seite 193 - 194

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 3 (März 1906)
Article
Wie der Pumpianer Rebbe die soziale Frage löst
Date
1906-03-01
Page
Seite 193 - 194 (sequence 3)
Language
German
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193 R. Braudes: Wie der Pumpianer Rebbe die soziale Frage löst. Reb Nachumchen musste ordentlich nach Atem ringen. Kalter Schweiss drangihm aus allen Poren. Sein Auge leuchtete glückselig. Auch dieser erste Anfall ging vorüber. Und dann überkam ihm jenes kosende Gefühl der Selbstzufriedenheit. Ein zufriedenes Schmunzeln zuckte um die Lippen. "Warum denn auch nicht? Kleinigkeit, wenn einer die soziale Frage gelöst hat! .... „So bleibt die Geschichte!" rief er triumphierend aus, und er setzte sich schaukelnden Kopfes an den Tisch, säuberte sich stillvergnügt mit besonderer Sorgfalt — geradezu andächtig — die Nase, wischte sich den Schweiss von der Stirn, kniff seine Aeuglein zusammen: Nu, er hatte eben das Unglück aus der Welt geschafft. . . So sass er eine AVeile da, ganz seiner Freude hingegeben. Da fiel ihm wieder etwas ein — ein arges Bedenken, das seinen ganzen Plan, diesen feinen, weltj'ctteiiden Plan, über den Haufen rannte. ... In der heiligen Thauro heisst es, dass es in Israel immer Arme geben müsse. Und nach seiner Sozialreform wäre doch die Institution der Armut aus der Welt geschafft. . . Dazu kommt noch ein anderes Bedenken: AVenn es keine armen Leute mehr gäbe, dann könnet man ja auch die fast vornehmlichste Pflicht der jüdischen Religion nicht erfüllen: Zedoko zu geben, mildtätig zu sein. Das waren böse Einwände! Und Angst und Schrecken zausten ihn. Aber bald hellten sich seine Züge auf. Ein findiger Kopf, wie "Reb Nachumchen, weiss bald einen Ausweg! . . Er zog die Stirn in Denkerfalten, legte den linken Zeigefinger bald auf die Nase, bald auf die Augen, bald auf die Stirn, kratzte sich gründlichst den Kopf — ohne Kratzen kein Denken! — und philosophierte dergestalt: "Woher weiss man denn, dass das Geld der Iteichen genügen werde, um — alle Armen zu befriedigen? Ein paar Arme werden dann immer noch bleiben, und diesen wird man Gutes erweisen. Nun bleibt nur noch die 'Frage übrig, an welche Annen soll der Reichtum verteilt werden? Wiedel" eine Schwierigkeit! — Nein! . . doch eine Kleinigkeit. Erst kommen die Rabbonim heran, dann die übrigen Gelehrten, die Tag und Nacht über die heiligen Dinge •sinnen und studieren, dann die Anderen — so wie's trifft. Also war nun sein Plan endgiltig fertig. Er dachte ihn nochmals durch und sähe, dass er gut war. ..Deboreleben!" hat er da ausgerufen, ..Deboreleben, mein gutes AA"eib! Nun weine nicht mehr und jammere nicht. Es wird alles gut werden. Wirklich gut. ich hab'n Plan. Es wird alles gut werden." „Was rufst Du denn da!" schrie Debore, ,,!n Plan?" ..Geh' schon," sagte Reb Nachumche,. „geh1 schon und schweig . . , für "Fraueugehirne ist mein Plan nichts." Sie ging kopfschüttelnd, und kopfschüttelnd hat er weiter philosophiert: Der Plan ist sehr gut — gut. Was sag ich gut? ... Kr ist sehr gut. Nur . . wo nimmt man die Reichen her? Denn in ganz Pumpian hat's überhaupt keine unglücklichen Menschen gegeben; dort hat Keiner etwas besessen: ------Also muss man in eine grosse Stadt fahren! Am Sonnabend teilte der Schammes allen Gemeindemitgliedern mit, dass der Rebbe einen wichtigen Aror-- trag halten wolle. Der Rebbe setzte der versammelten Gemeinde seinen Plan auseinander, und Avie die 'ganze AVeit für ewig beglückt wäre, wenn er zur Ausführung käme. Dazu müsse er aber in eine grosse Stadt reisen, wo es ja so viele unglückliche Menschen gäbe. Etwa nach AVilna. Und so bäte er sie denn, ihm Reisekosten und Zehrgeld zu geben, denn von seinen fünfundzwanzig polnischen Groschen Gehalt für die Woche konnte er solche Reisen nicht machen. Man überlegte nicht lange. Denn wer wird seinen letzten Groschen nicht für eine so wichtige Sache opfern?! . . . Am Sonntag früh mietete man einen einspännigen Bauernwagen. Und der Rebbe fuhr nach AVilna. . . AVährend des ganzen AVeges dachte er immer wieder seinen Plan durch. Und je mehr er sich in dieses traumhaft schöne Zukunftglück verlor, umsomehr jubelte und jauchzte sein Herz, und um so feinere, spitzigere AArendungen ersann er, die er den armen Reichen vorführen würde. Endlich kam das AVägelchen nach langer knochenzermürbender Fahrt in AAllna an. ..AVo wollen wir nun einfahren?" fragte der Fuhrmann. ..Natürlich bei einem Juden! Denn welcher Jude auf Gottes Erdboden würde mich, den Pumpianer Rebben, nicht über Nacht aufnehmen?" „Das ist ganz gut, aber wo bleibe ich mit meinem Pferd und Wagen?" Der Rebbe blieb ganz sprachlos stehen — an diese Notwendigkeit hatte er weder im Traume noch im AVachen gedacht. Doch als ihm ein Jude bedeutete, dass AVilna nicht Pumpian sei, und man hier in eine Ausspannung fahren müsse, gab :xler Rebbe klein bei., „AVilna ist nicht Pumpian." — Dies AVort heftete sich ihm fest. AVilna ist nicht Pumpian! Zum ersten Male sah er eine grosse Stadt mit breiten, mächtigen Strassen und hohen zwei- und dreistöckigen Häusern, die ihm nur einige Millimeter vom Himmel entfernt schienen. Und als er sich diese schönen Häuser mit den künstlerischen Giebeln, den breiten Facaden, den prunkvollen Säulen, den hellglänzenden Fenstern mit den

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