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Ost und West · 1906-03-01 · Heft 3 (März 1906) · p. Seite 191 - 192

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 3 (März 1906)
Article
Wie der Pumpianer Rebbe die soziale Frage löst
Date
1906-03-01
Page
Seite 191 - 192 (sequence 2)
Language
German
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191 R. Brandes: Wie der Pumpianer Rebbe die soziale Frage löst. 192 Aber ein arger Zweifel plagte ihn doch und Hess ihn immer wieder an seinen Deduktionen stutzig werden. Kr suchte nach einem plausiblen Grunde, warum die Reichen ihren Reichtum behalten müssen. „Teil Esel!" sagte er sich dann. „Wenn der liebe Cjott —: Gott behüte — über »Jemand eine Krankheit oder ein anderes Uebel schickt, so muss der Mensch diese Strafe für begangene Sünden schon auf sich nehmen, damit er dereinst reinen Herzens ins Jenseits eingehen kann. Ebenso ist's doch mit dem Reichtum: Wem Gott ein solches Unheil zusendet, der kann es keinem Anderen übertragen und muss sich sein ganzes Leben elendiglich damit herumplagen. Sonst kann er janicht selig werden." Und so hat er gegrübelt, gegrübelt und philosophiert über die Welt und ihren Inhalt. Er war eben ein grosser Weltkenner — alles durch das »Studium der Thora und der heiligen Schriften. Und felsenfest, absolut über jeglichen Zweifel erhaben war es ihm, dass eben der Reichtum ein furchtbares Unglück ist, schon darum, weil Keiner dem Reichen das Unglück abnehmen wolle_____ -----Jahre vergingen. Jahre . .. .Jahre. Sein Sabbathrock, den er einst als Bräutigam erhalten, bekam Locher, erst an der einen Stelle, dann an der anderen, an den Aermeln, am Futter . ... sein Wochentagsrock war schon' längst nicht mehr zu gebrauchen. Er hatte ihn so lange getragen, bis er sich in sich selbst aufgelöst hatte. Die Kinderschaar wurde immer grösser. Alle Jahre segnete ihn Gott — sein Name sei gepriesen — mit einem neuen Sprössling. . . Einige seiner Mädchen waren allmälig herangewachsen — es war hohe Zeit nach einer passenden Partie Umschau zu halten. Und die Mitgift? . . Mitgift'?! Sie hatten ja nicht einmal einen ganzen Rock auf dem Leibe. Und die anderen, kleineren Kinder hockten auf derErde herum, mit schmutzigen Nasen und mit nackten Füssehen, in einem Hemde, das ihnen längst schon zu kurz war. Seine fünfundzwanzig polnischen Groschen, die er, wie einst sein Vater — Gott hab1 ihn selig —, die Woche bezog, reichten kaum zu Brod. Und nun seine Frau?! Den ganzen Tag lag sie ihm in den Ohren und klagte, weinte, jammerte: „Von mir will ich ja gar nicht reden . . . aber die Kinder laufen barfuss und -nackt herum. . .'* --------- — Tjn(j es kamen noch ärgere Zeiten. Selbst an Brod fehlte es bald. Im Hause des Rebben mussten sie fortab einen Tag um den anderen fasten. Die Frau setzte ihm die Hölle zu: „Warum ersinnst Du nicht irgend einen Rat, ein Mittel? Du sitzt den ganzen Tag und lernst und redest kein Wort. Siehst Du denn gar nicht, (und die hellen Thränen perlten ihr das Gesicht herunter,) dass wir vor Hunger umkommen?" ..Die Kinder sind ja überhaupt nur Haut und Knochen. Die Seele hat kaum noch Platz darinnen." Und nun fing Reh Nachumchen wieder zu grübeln an und zu philosophieren. Aber jetzt philosophierte er schon — über die Armut. „Ganz arm," so wagte er es sich allmälig, aber doch noch zaghaft einzugestehen, „ganz arm zu sein, muss doch wohl auch ein Unglück sein." Warum hiesse es denn sonst auch in den Sprüchen des weisen Salome: Reichtum und Armut gieb mir nicht?" Dann bemerkt auch die heilige Gemoro schon, dass die Almut den Menschen vom guten Pfad abdrängen und ihn seiner Vernunft berauben könne. Es scheint also, dass es auf Erden zweierlei Unglück gebe: Reichtum ist schlimm und Armut ist bitter. Das hotte er am eigenen Leibe ja erfahren müssen. Sollte es dagegen gar kein Mittel gehen, gar keine Hilfe? Und Reh Nacliumchen fing wieder zu grübeln an. Hastig lief er im Zimmer umher. Mit grossen Schritten. Die Lippen murmelten leise unverständliche Worte, während die Arme hastig in die Luft hineinfuchtelten. Tausend Gedanken fuhren ihm durch den Schädel. Bibelstellen, talmudische Sentenzen, halachische Diskussionen, Erzählungen aus dem ganzen jüdischen Schrifttum . . . all das hrauste aus seiner Erinnerung hervor, alle die Stellen, die eben handelten — von Reich und Arm. Er schien fast den Kopf zu verlieren, so wirrte ihm alles durcheinander. Plötzlich blieb er mitten im Zimmer stehen und monologisierte jetzt schon laut „Ich hab's. Ja, ja ich hab's. Einen schönen Plan, einen feinen Plan — die Lösung." Doch will ichs mir nochmals überdenken. Dass es auf Erden immer mehr Arme gibt als Reiche, daran lässt sieh doch nicht rühren. Und auch das ist unbestreitbar, dass jeder Reiche seinen Reichtum gern los werden möchte, nur dass ihn kein Mensch übernehmen will. Richtig!! Einer, ein Einziger wird's nicht tun wollen. Aber viele, ein ganzes Heer von Armen muss den Reichen — .so ganz allmälig — von seinem Uebel Itcfreien. Das ist die Lösung. Abeidas muss nochmals gründlich durchdacht werden. Also der Reiche verteilt seinen Reichtum an die armen Leute. Dann ist doch Beiden geholfen: Der Eine ist sein Unglück los und die Anderen.sind ihr eigenes Uebel auch los geworden, ohne dass sie ein anderes auf sich zu nehmen brauchen. Ja, nun verstehe ich erst, warum König Saloino sagt : „Reichtum und Armut gib mir nicht:4; Und je mehr er sich die Tragweite seines Planes klar machte, umsomehr wurde er erschreckt; so jener wohlige Ernnderschreck, der uns durchzuckt, wenn wir einen welterlösenden Gedanken gefasst zu haben glauben.

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