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Ost und West · 1906-03-01 · Heft 3 (März 1906) · p. Seite 195 - 196

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 3 (März 1906)
Article
Wie der Pumpianer Rebbe die soziale Frage löst
Date
1906-03-01
Page
Seite 195 - 196 (sequence 4)
Language
German
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195 R. Braudes: Wie der Pumpianer Rebbe die soziale Frage löst. 196 weissen Vorhängen ansah, da zog — ein unsägliches Mitleid ihm durch die Brust, und er stöhnte: „Weh, Weh! Was sind liier die Menschen unglücklieh! Ich versteh1 nur nicht, wie ein Mensch .hier leben kann. Ich niuss ihnen doch gel-adezu wie: ein Messias, wie. ein erlösender Engel kommen.'"' So beschloss er im lieben Gemüt', gleich zum. reichsten Manne Wilnäs zu gehen, der jedoch ein Kenner jüdischen Schrifttums sein müsse, damit er, dem Pumpianer Rebben in seinen Gedankengängen folgen könne. Man wies ihn zum Monatsvorsteher. Er ging 'mit starrstaunendem "Blick durch die Strassen. Jede bot ihuf neue AYunder dar. Die Häuser, das Trottohy die Kutschen und Equipagen, und erst die Menschen! Was die für seltsam ganze Kleider anhatten, Avas für weisse Wäsche! Und die schönen Ketten und Hinge! Es war ein Jammer. All die Pracht hatte ihn so verwirrt, dass er fürchtete, im entscheidenden Moment seine schönsten Gedanken und ihre treffliche Durchführung zu vergessen. Endlich hatte er das Haus erreicht, in. dem der Monats Vorsteher wohnte —. und zwar im ersten Stock. Das war wieder eine Ueberraschung, denn in Pumpian war. er sein Lebtag nicht Treppen gestiegen. Aber da ihm ja nun nichts anderes übrig blieb, so ging, stieg, klomm, kroch er, an den Geländersprossen sich krampfhaft festhaltend, die Treppe hinauf. Hastig öffnete er die Tür und schrie, ohne einzutreten, kurzatmig ins Zimmer: „Ich bin der Pumpianer Rebbe und halr mit dem Monats Vorsteher was zu seh müssen!" Alle im Zimmer wandten sich höchlichst überrascht zu dem seltsamen Gaste um. Der Monatsvorsteher, ein 3rann mit schon ergrautem Bart, stand auf und begrüsste den Rebben mit Höflichkeit und Würde und bat ihn, in den Salon einzutreten, da er noch ein Weilchen mit seinen Kunden zu verhandeln hätte. Und er trat ein: der Pumpianer Rebbe — in den Salon. 0, welch ein grausenhafter Anblick bot sich ihm dar: Wunderbare Möbel mit den kunstvollsten Schnitzereien, grosse Spiegel, die auf goldenen Füssen ruhten! Aror den Fenstern mit den grossen, glänzenden Scheiben die Stores, in die Figuren eingewebt waren, und die dunklen, schweren, faltenreichen Portieren. An den Wänden Gemälde, die biblische Szenen darstellten, und auf hohen, schwarzen Säulen Marin orstatuen. An der Decke hing ein vielarmiger Kronleuchter mit 'Pausenden prismatischen Gläsern, in denen das voll einflutende Sonnenlicht sich in bunten, schillernden Farben brach. Auf dem Boden konnte er kaum stehen. Sein Fuss versank in einen dickwolligen Teppich. Und wo kein Teppich lag, da konnte er nicht gehen, denn es war glatt wie eine Eisbahn. Aber am meisten erschreckte ihn ein Silberschrank. Als er all die Kostbarkeiten anschaute, die silbernen Pokale, die Tassen, die Gabeln und Messel-, blitzendes Armgeschmeide, eine wunderbare P'somirabüchse mit Hunderten feiner Fähnchen und dann noch den siebenarmigen .Leuchter, da, ja da . . konnte er sich der Tränen nicht enthalten. Mitleidinnig quollen sie ihm aus dein schier geblendeten Auge hervor und rieselten ihm die bärtige Wange. herab. ,,Grosser Gott, wie kannst Du einen.Menschen umso strafen." so rang es sich ihm aus schluchzender Brust. ... — —- - Mittlerweile war der Monatsvorsteher eingetreten und fragte: „Was hat Kuch hergeführt, Pumpianer Rebbe?" Der Rebbe fuhr verwirrt zusammen und sagte dann mit grosser Emphase: „Ihr seid doch, nebbich, zu unglücklich." Der Monats Vorsteher sah ihn ganz erstaunt an. zuckte fragend die Schulter und sagte kein Wort. Xun begann der Rebbe des Langen und Breiten seinen Plan auseinanderzusetzen, um dessentwillen er nach Wilna gekommen war. „Ja, ich muss es Euch offen gestehen," so schloss der Rebbe seine Ausführungen, „ich hätte es mir nie im Leben vorstellen können, wie gross das Elend auf Erden ist. .Menschen, rettet Euch. Nehmt Euch das zu Herzen. Das ist kein Spass, solche Häuser, solche Reichtümer zu besitzen. Euer Unglück ist schrecklich. Nur mein Plan, nur meine Idee, das sehe ich' mehr und mehr ein, kann die Menschheit retten." Der Monats Vorsteher hörte ihn erstaunt an. Zunächst mochte er den Rebben für etwas wirre halten. Aber als er ihm ins klare, treue, schwärmerisch-verklärte Auge blickte, da sah er den rührend-naiven, weltentrückten Menschen, dem man mit logischen Beweisen nicht beikommen könnte. „Ihr habt vollkommen Recht," sagte der 'Vorsteher. ,5Euer Plan ist wirklich — einzig dastehend. Aber wenn ich für meine Person nach Eurem Vorsehlage handeln würde, so bin ich eben doch nur einer. Zur wirklichen Durchführung des Planes muss man aber auch die übrigen Unglücklichen überzeugen. Aber auch mit den Armen muss man darüber verhandeln, denn ein Unglück zu übernehmen, dazu kann man schwerer überreden, als eines los zu werden." „Gewiss, gewiss!" antwortete der Pumpianer Rebbe. „Xun, dann will ich Euch einen Vorschlag machen." sagte der Vorsteher, „ich will den schwereren Teil übernehmen. Ihr geht und überzeugt die Reichen, wie notwendig es ist, ihr Unglück loszuwerden. Und ich will zu den Armen gehen, dass sie es ihnen abnehmen sollen. Wenn Ihr mit den Reichen fertig seid, dann hoffe ich, dass auch die andere Partei zur Stelle sein wird." Und glücklich ging der. Rebbe von dannen. Leider kann ich nicht mitteilen, welchen Erfolg er hatte. So viel aber steht fest: Zum Monatsvorsteher ist er nicht wieder gekommen.

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