Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 3 (März 1906)
- Article
- Wie der Pumpianer Rebbe die soziale Frage löst
- Date
- 1906-03-01
- Page
- Seite 189 - 190 (sequence 1)
- Language
- German
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1S9 190 WIE DER PUMPIANER REBBE DIE SOZIALE FRAGE LÖST. Aus dem Jüdisch-Deutschen von R. Brau Abseits von der Landstrasse, «ranz versteckt liegt das kleine Htthauische Städtchen Pumpian —- ein jüdisches Städtchen. Die Bewohner sind arme Leute, die sich kümmerlich vom Handel ernähren. .Teder lebte still für sich; und so ist Pumpian eine eigene AVeit im Weltall. Wie selten ereignete es sich, dass ein Fremder sich in diesen Weltteil verirrte: denn Eisenbahnen gab's dazumal noch nicht, Telegraphen waren noch nicht ersonnen, und wozu auch? Und die Post ■— Avenn sie mal ging, dann ging sie ohne Briefschaft. Wenn Jemand nach Paris oder London reist, so mag es schon ein Wunder sein. —- Aber nach Pumpian ist gewiss kein Mensch aus Neugier oder künstlerischem Interesse gefahren. Und traf sichs einmal, dann gingen die alten Männer, den Kopf bedächtig wie ein Wiegemesser hin- und herschütteliid, dem Fremden entgegen und begrüssten ihn, während ihn die Gassenbuben und die Schuljungen neugierig nach allen Dimensionen angafften, l'nd die Weiber und die Mädchen, die haben ihn nicht, angesehen, Gott behüte! — sie haben blos ein bischen hinü hergeschielt. Und zwischen Mincha und Maarib drängte man sich um die alten Leute, um zu erfahren, wer denn jener Mensch gewesen. Denn neugierig ist in Pumpian doch überhaupt Keiner. Und Avas konnte es denn überhaupt Neues geben? Leitungen logen damals noch nicht Avie gedruckt; denn es gab noch keine. All die weltbewegenden Fragen haben damals Keinem die Nachtruhe gestört. Die Arbeiterfrage Avar noch nicht erfunden, da damals noch joder Mann Reissig und arbeitsam war; Sozialismus, Kapitalismus, soziale Frage, die heute jeder Esel, je dümmer er ist, um so häufiger im Munde führt, waren unbekannt, überhaupt unbekannt in der grossen Welt, überhaupt ganz und gar unbekannt bei uns Juden, und überhaupt vollkommen ganz und gar unbekannt IM) X achumchen, dem Pumpianer Rebbe. Und doch war er ein Stück Sozialist. Heb Nachumchen — man nannte ihn noch bis in sinn spätes Alter mit diesem Kosenamen - Avar in Pumpian geboren, avo schon sein Vater Kebbe war. Kr Avar das einzige Kind, ein Schoosskindchen gewesen, das der Vater auch nicht eine Minute aus dem Auge gelassen. Tag und Nacht sassen die beiden und lernten, studierten und grübelten. Denn Nachumchen sollte auch in Pumpian einmal Rebbe werden. Und er ist auch Kebbe geworden. Und sitzt seit langen Jahren in Pumpian und lernt und grübelt, Avie es sein Vater gethan, und bezieht seine fünfundzwanzig polnischen Groschen die Woche als Gehalt. Freilich: allzu viel Arbeit hat er nicht. Pumpian ist ein ruhiges Städtchen. Die Leute sind brav. Zwistiekeiten hat er nicht zu schlichten. des, übersetzt von Theodor Zlocisti. Nachdruck verboten. Auch rituelle Fragen kommen nicht vor, Arie etwa ob der milchige Topf treife ist, nachdem ein Tröpfchen Wasser aus einem Topr mit kochendem Fleisch ihn bespritzt. G anz einfach, man kocht eben in Pumpian kein Fleisch. Höchstens zum Sabbath. Oft auch das nicht einmal. . . So hatte er natürlich Müsse zum Grübeln und zum Studieren. Und war er auch nie A'ier Ellen über die Gemarkung des Städtchens gekommen, so Avar er ein Weltkundiger, ein feiner Kenner ihres Inhalts und Getriebes — durch seine Bücher. Er Avusste z. B., dass es auf Erden geschehen könne, dass Hubens Ochse Simons Kuh stossen kann. . . Er Avusste, dass aus einer Schmiede ein Feuerfunke hinaussprühen und einen Wagen voll Heu in Flammen setzen kann. Ei* Avusste, dass lieb Leser ben Charsum tausend Städte und tausend Meeresschiffe besass, er musste also so eine Art Rothschild gewesen sein. Denn Rothschilds Ruhm war selbst nach Pumpian gedrungen. Und hierbei blieb er immer stehen. ..Der Reichtum, der Reichtum, ja der Reichtum," und so kam er auf den Unterschied von Reich und Ann. . . Er grübelte hin und her. Machtvoll schaukelte sein Oberkörper. Die Augen leuchteten. Die Linke mit dem abgestreckten Daumen schlug die kühnsten Kreise, die konzentrisch immer sich vergrüsserten. Endlich sprang er auf . . . er hatte das grosse Geheimnis entdeckt, das letzte Geheimnis: Reichtum ist die grösste Plage. Und Avie er tiefer darüber nachsann, da fand er, dass ja selbst der weise König Salomo immer betete: ..Reichtum gieb mir nicht", und weiter fand er, dass schon der Talmud lehrte: Für die Juden passt der Reichtum wie für einen Schimmel ein roter Zügel. " Mit Grausen erinnerte er sich noch jener Schilderung, die ein alter Lehrer von den Leiden der Reichen im Jenseits gegeben. Wenn er daran dachte, dann fuhr ihm ein Schrecken in die Knochen, dass er kaum sich aufrecht halten konnte. Allein, mit seiner Entdeckung mochte er sich nicht begnügen. Er grübelte fort und fort. Wenn der Reichtum wirklich solch Unglück ist, wozu ist er da nütze? Wie kann es. da Leute gehen, die so beschränkt und töricht sind, dieses Unglück auf sich zu laden und zu tragen? Er sann weiter, bis dass es ihm schien, als sei er zu einem Resultat gekommen. ..Der Reichtum ist eine Strafe Gottes. Wie kann der Reiche sich davor retten? Er trachtet zwär Tag und Nacht, Avie er den Reichtum, dieses Unglück, losAverden könne. Aber welcher vernünftige Mensch wird ihm denn das Unglück abnehmen?"