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Ost und West · 1906-03-01 · Heft 3 (März 1906) · p. Seite 179 - 180

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 3 (März 1906)
Article
Gabriel Riesser
Date
1906-03-01
Page
Seite 179 - 180 (sequence 7)
Language
German
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179 M. Philippsoii: Gabriel Riessei*. ISO Der letzte Lübecker Schutzjude. folgung der Liberalen in Kurhessen riefen den Zorn und die Abwehr Riessers hervor. Auch hier hat er, noch in seinen letzten Lebensmomenten, den Sieg des Rechtes und der Freiheit erlebt. Ein Glücklicher! Ein von Gott Begnadeter! Wie wenigen unter uns Sterblichen ist es vergönnt, so die Erfüllung der innigsten Wünsche und das Gelingen unserer teuersten Bestrebungen zu schauen. Lange vor dieser Zeit ward Riesser dazu berufen, auf dem grössten und würdigsten Schauplatze der deutschen Nation als Berater und Führer zu dienen. Nach der Märzrevolution des Jahres 1848 ward er, obwohl er bisher nicht Mitglied einer deutschen Volksvertretung gewesen war, von dem dazu ernannten Siebener- Ausschuss ausnahmsweise zu dem Vorparlament geladen, das dazu bestimmt war, eine konstituierende deutsche Nationalversammlung einzuberufen. Sein Vorschlag, recht seinem ganzen Wesen entsprechend, dass „jeder volljährige Deutsche ohne Bedingung des Standes, Vermögens und Glaubensbekenntnisses Wähler und wählbar sein müsse," wurde angenommen. Das von ihm siegreich verfochtene allgemeine und gleiche Wahlrecht bildete zugleich einen nicht wieder rückgängig gewordenen Sieg für die Juden, die bisher fast allerorten in Deutschland wenigstens von der Wählbarkeit in die Kammern ausgeschlossen gewesen waren. Es war der wichtigste Sieg, den sie überhaupt erfechten konnten, mit dem kein anderer an Bedeutung zu vergleichen ist. Wir verdanken seine Verwirklichung Gabriel Riesser. Ein neuer Erfolg: im Herzogtum Lauenburg, wo bisher keine Juden wohnen durften, ward der Jude Riesser im April 1848 zum Abgeordneten in die deutsche Nationalversammlung gewählt. Der ungeheure segensreiche Umschwung konnte sich nicht nachdrücklicher kenntlich machen als in diesem Gegensatze. Am 18. Mai wurde die Nationalversammlung eröffnet. Riesser war hier zunächst nur in den Ausschüssen tätig. Zum ersten Male in längerer öffentlicher Rede trat er am 29. August hervor und zwar zugunsten der Juden, denen Robert Mohl aus Stuttgart den Vollgenuss der staatsbürgerlichen Rechte vorenthalten wissen wollte. Riesser verstand es wieder, diese Frage von allen Sonderbetrachtungen loszulösen und auf den Boden der Sittlichkeit und des allgemeinen Rechtes zu stellen. Er gewann damit seine Hörer umsomehr, als er in der Rede alle Gaben seines echten Pathos und seiner feurigen Eloquenz entfaltet hatte. Der Kampf für seine Glaubensgenossen hatte ihn im Parlament in die Reihe der führenden Männer versetzt, wie schon früher in derWelt der staatsrechtlichen Theoretiker. Man hat den Juden so oft den Vorwurf radikaler Gesinnung und zersetzender Tätigkeit gemacht. Riesser wurde einer der Führer der gemässigt liberalen, monarchischen Partei gegenüber der republikanischen Linken der Nationalversammlung. Sie erwählte ihn wiederholt zu ihrem Vizepräsidenten, als welcher er mehrmals die Verhandlungen unter schwierigen Verhältnissen und bei erregter Stimmung mit Würde und Nachdruck leitete. Ein Jude, der Vorsitzende des deutschen Reichstages — noch ein Jahr früher wäre diese Tatsache als eine Ungeheuerlichkeit erschienen, als etwas Undenkbares. So ist die Macht der Ideen oft stärker in der Geschichte, als die Voraussicht und der Wille der Menschen, unter denen jene wirken. Der einmal gegebene Anstoss—und an diesem hatte Riesser seinen ehrlichen Anteil genommen — hatte alle über das gewollte oder als möglich gedachte Ziel hinausgerissen. Aber das Ergebnis war nur durch die Hochachtung und Verehrung ermöglicht worden, die noch mehr die unantastbare Ehrenhaftigkeit von Riessers Charakter als die Höhe seiner Begabung einem jeden einflösste. So gehörte er auch zu der Deputation des Parlamentes, die im Anfang April 1849 nach

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