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Ost und West · 1906-03-01 · Heft 3 (März 1906) · p. Seite 177 - 178

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 3 (März 1906)
Article
Gabriel Riesser
Date
1906-03-01
Page
Seite 177 - 178 (sequence 6)
Language
German
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177 AI. Miilippson: Gabriel Riessei'. 178 Riessers Gerechtigkeitsgefühl verhinderte ihn, trotz allen Gegensatzes wider die lärmenden Verteidiger des ausschliesslich christlichen Charakters des Staates, die grossen Segnungen zu verkennen, die die christliche Kultur dem Staate, dessen Einrichtungen und Grundsätzen gebracht hat. Er hat das wiederholt auf das nachdrücklichste anerkannt. Nur dass er unter „christlicher Kultur" diejenige Kultur verstand, die sich innerhalb der faktischen westeuropäischen Christenheit in der modernen Zeit, oft im schroffen Gegensatze zu den christlichen Kirchen und deren Geistlichkeit, entwickelt hatte. Nichts lag ihm ferner, als Parteilichkeit, auch wenn sieder von ihm verteidigten Sache des Judentums und seiner Bekenner zugute gekommen wäre. Denn Wahrhaftigkeit und Recht waren die Leitsterne seines Lebens. Als diese erhabenen Prinzipien in derjenigen Angelegenheit, der er vierzehn Jahr mit ebenso viel Geist wie Herz und Tatkraft seine Anstrengungen gewidmet hatte, dem Siege entgegen gingen oder doch entgegen zu gehen schienen wandte er seine Kraft dem Kampfe für die Einigung und Befreiung des gesamten Deutschland zu. So grossen Erfolg auch seine Tätigkeit als Notar hatte, mit der Klarheit und Festigkeit, die ihn auszeichneten, beschloss er und führte es aus, sich nicht zum Sklaven seines Geschäfts zu machen, sondern sich durch stete Studien, die Literatur aller Yölker umfassende Lektüre weiter zu bilden, endlich sich den allgemeinen Interessen zu widmen. Und das bezog sich nicht nur auf lokale und praktikulare Dinge, sondern auf die Sache des ganzen deutschen Vaterlandes. Gerade seine von hohen Ideen getragene und in glänzender Form vorgetragene Verteidigung seiner Glaubensgenossen Gabriel Riesser als Redner. hatte ihm in ganz Deutschland Ruhm und Ansehen verschafft, die durch die Lauterkeit seines Charakters, die frohe Liebenswürdigkeit seines Wesens, die strenge Rechtlichkeit und Zuverlässigkeit in seinem schwierigen Beruf getragen und bestärkt wurden. Das Recht zu schützen, war ihm Gesichtspunkt und Ziel, auch in den ausserjüdischen Dingen; denn das war einmal die Grundlage seines Charakters. So nahm er sich mit Eifer der damals rechtswidrig bedrängten deutschen Brüder im nahen Schleswig-Holstein an und wirkte für sie in Schrift und Rede, mit jener Begeisterung, Würde und Beredtsamkeit, die ihm eigen waren und die ihm von allen Seiten lebhaften Beifall einbrachten. Man warf ihm freilich vor, dass gerade Dänemark die Juden emanzipiert habe, während die Schleswig-Holsteiner sie in schmählicher Knechtschaft hielten. Aber diese unbestreitbare Tatsache konnte ihn nicht davon abhalten, für das Recht und das Deutschtum der Herzogtümer mit Nachdruck das Wort zu ergreifen. Denn Unterdrückung und Unrecht, wo sie immer auftraten, empörten sein sittliches Gefühl und forderten ihn zum offen Kampfe heraus. Ebenso stritt er für eine demokratische Verfassung in seiner Vaterstadt, und er hatte die Genugtuung, hierdurch auch als Jude den Traum und die Anstrengungen seines ganzen Lebens verwirklicht zu sehen. Noch im Jahre 1849 erging das Gesetz, das den Juden in Hamburg volle bürgerliche Gleichstellung verlieh. Riessers Bestrebungen auf jüdischem wie auf allgemein deutschem Gebiete hatten hier, in seiner engeren Heimat, in harmonischem Verein das schönste Ergebnis gezeitigt. Auch der Verfassungsbruch und die Ver-

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