Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 3 (März 1906)
- Article
- Gabriel Riesser
- Date
- 1906-03-01
- Page
- Seite 181 - 182 (sequence 8)
- Language
- German
- Belongs to
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181 M. Philippson: Gabriel Riesser. 182 Berlin entsandt wurde, um im Namen des deutschen Volkes dem preussischen Könige Friedrich Wilhelm IV. die Kaiserkrone anzubieten. Der Monarch wies sie zurück, mehr aus Verzagtheit, als aus fürstlicher Abneigung gegen deren volkstümlichen Ursprung. Darauf fiel das ganze Verfassungswerk zu Boden, die Nationalversammlung löste sich auf, Riesser verliess sie am 26. Mai 1849, von ganz Deutschland anerkannt und gefeiert. Das erste gesamtdeutsche Parlament war verschwunden, sein Werk anscheinend gescheitert. Aber der Same, der hier in den Boden unseres deutschen Volkes gelegt war, ging nicht unter, er spross siebzehn Jahre später wieder empor. Gerade die Dinge, für die Riesser gestritten hatte, wurden da wieder lebendig: das allgemeine Stimmrecht für die alideutsche Volksvertretung und das Kaisertum der Hohenzollern. Und noch ein Drittes: die Gleichberechtigung der Juden. Sie ist seitdem in alle Verfassungen der deutschen Staaten, dann auch in die Gesetzgebung des norddeutschen Bundes und des Deutschen Reiches übergegangen. Man kann sie tatsächlich hier und da beeinträchtigen — das Prinzip kann nicht mehr angefochten werden, und die Regierungen, die ihm zuwider handeln, fühlen sich selber im Unrecht. Soviel hat Gabriel Riesser für uns gewirkt. Das Geheimnis seiner Erfolge liegt aber nicht nur in der Geradheit und Stärke seines Willens, in der Klarheit seines Blickes und der Schärfe seines Denkens — es liegt auch vor allem in der Tiefe und Wärme seines Fühlens. Das Herz ist es, das beredt macht, sagte schon der grösste Redner Roms. Er hatte ein Herz für seine Glaubensbrüder, eine unendliche Liebe für sie, die ihre damals noch so zahlreichen Schwächen und Untugenden schonend ertrug und sich an ihren Vorzügen erhob und erfreute. Die Kraft der Empfindung vereinte sich also bei ihm mit der sittlichen Kraft der Wahrheit. Beides überzeugte, beides machte ihn in Schrift und Rede unwiderstehlich. Er verschmähte alle sophistischen Künste, alles schmückende Beiwerk: mit dem hinreissenden Riesser's Grab auf dem Grindelhof bei Hamburg. Strom glühender Ueberzeugung riss er die Herzen und Geister mit sich und schwemmte die Gegner widerstandslos hinweg. Aber so glühend seine Polemik war, so sehr sie die Gründe und Behauptungen der Widersacher bis zum letzten Körnchen zerstörte — stets blieb ihm der vornehme Sinn, der über niedrige und kleinliche Persönlichkeiten erhebt. Er hat niemals die Person des Gegners angegriffen, verhöhnt, beschimpft; nur die Sache hatte er im Auge. Die Liebenswürdigkeit seines Herzens, die Friedfertigkeit, die den Grundzug des Wesens dieses unermüdlichen und scharfen Kämpfers ausmachte, blieben ihm stets eigen und gewannen ihm Achtung und Neigung selbst bei denen, gegen die er stritt. Riesser hat nie das Glück des Familienlebens gekannt, er hat nie Frau und Kinder besessen — er lebte für seine eigene innere Entwicklung, für die Pflichten seines Amtes, für seinen schönsten Beruf als Vorkämpfer für Recht, Wahrheit und Menschenliebe. Eine Zierde des Judentums, eine Zierde des Deutschtums, eine Zierde der Menschheit. Heil uns, dass wir ihn heute feiern dürfen als treue und begeisterte Juden, als freie Bürger des Deutschen Reiches, als moderne Menschen, die doch, wie er, stehen auf dem viertausendjährigen Boden der israelitischen Ueberlieferung.