Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 3 (März 1906)
- Article
- Gabriel Riesser
- Date
- 1906-03-01
- Page
- Seite 175 - 176 (sequence 5)
- Language
- German
- Belongs to
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175 M. Philippson: Gabriel Riesser. 176 Das war die Ansicht Riessers von dem ohne und gegen die Ueberzeugung vollzogenen Uebertritt. Seine herrlichen, den Stempel tiefster Wahrhaftigkeit und Ehrenhaftigkeit tragenden Worte gelten noch heute im vollsten Umfange, wo selbst Menschen, die die geehrtesten Namen unserer jüdischen Geschichte tragen, jenem von Gabriel Riesser gebrandmarkten „Jesuitismus der Aufklärung", dem Eigennutz oder der Bequemlichkeit huldigen und den Glauben wie ein Gewand wechseln« Auf den Altar dieser Wahrhaftigkeit seines Wortes, sagt sein Biograph Isler, legte er mit ruhiger Erkenntnis das höhere Glück seines Lebens und übernahm mit kräftigem Willen die Folgen, die daraus hervorgingen. Er vertraute auf den Gott, den er verehrte, mit Hingebung und ohne Murren; dass es ihm gelohnt würde, in glänzendster Weise gelohnt, das konnte weder er noch irgend ein anderer ahnen. Nicht minder erklärte er sich gegen die damals schon bei schwachen Eltern beliebte Taufe der Kinder. Er verwarf sie im Namen eines innigen und wahrhaften Familienlebens. Er verwarf sie im Namen der Religion; „niemand, in dem noch der leiseste Funke religiösen Gefühls glimmt, wird ein solches Verfahren angemessen und naturgemäss finden." Er erinnert die Eltern daran, dass sie ihre Kinder als Juden „mit unbeschränkter Freiheit im Geiste ihrer Gottesverehrung" erziehen können, aber nicht so als Christen, die der Priester berufsmässig von der frühesten Jugend in dem offiziellen Kirchenglauben erzieht. „Und wie nun, wenn der Priester in der redlichen Ueberzeugung, dass das die Lehre seiner Kirche ist, euren Kindern lehrt, dass alle, die nicht an den Heiland glauben, ausgeschlossen sind von der ewigen Gnade Gottes? Wie, wenn diese Lehre, entsetzlich für jedes freie Gemüt, das noch nicht verlernt hat, die Menschen zu lieben, vor allem aber entsetzlich für eure Kinder und die Enkel eurer Eltern, die zarten Gemüter mächtig erschüttert?" Gewaltige, zutreffende, ewig giltige Worte, gesprochen nicht von einem jüdischen Geistlichen, nicht von einem Fanatiker, sondern von einem Manne, der auf der Höhe juristischer Bildung stand, der sich dabei als Deutscher unter Deutschen fühlte, der von diesen bald zu ihrem Vertreter in der grossen deutschen Reichsversammlung erkoren wurde. — Mögen doch heute noch unsere Gebildeten, unsere Gelehrten, unsere Politiker, unsere Schriftsteller an dem vornehmen, tief aufrichtigen, treuen und jüdischen Wesen dieses Gabriel Riesser sich ein Muster und Beispiel nehmen. Innerlich werden sie daran gewinnen und auch draussen in der Achtung der Andersgläubigen. Seiner ganzen Anschauung nach stand er im Gegensatze zur jüdischen Orthodoxie; „sie ist mir geistig ebenso fremd, wie die christliche oder islamitische Orthodoxie", schreibt er am 28. November 1842 an M. A. Stern in Frankfurt a. M. Er verwarf den Zwang der Beschneidung und eines Teils des überkommenen jüdischen Eherechts. Aber sonst erkannte er die innere Berechtigung der Orthodoxie vom Standpunkte der Gewissensfreiheit stets und nachdrücklich an und hielt zum Beispiel die gewaltsame von der Regierung verordnete Einführung eines stark reformierten Gottesdienstes in Weimar für „eine grosse Infamie". Jede Sektenbildung verwarf er; die Ueberzeugung, der Wille, der Charakter des Einzelnen machten für ihn den Schwerpunkt der Dinge aus. Er wollte darum von einem abgesonderten Reformjudentum nichts wissen und teilte darin, wie in so vielen Punkten, die Gesinnung Lessings. dem die sektiererische Wahrheit schlimmer schien als der Irrtum. Besonders die schwierige und von aussen. her gefährdete Lage der Juden veranlasste ihn, deren Einigkeit, das Zusammenhalten zu fordern. Er war bereit, deshalb die Vorwürfe der „Halbheit", der „Heuchelei" auf sich zu nehmen. „Ich ertrage lieber eine zu weit getriebene gutmütig schwache Schonung gegen die ohnmächtigen Irrtümer der eigenen Glaubensgenossen, als jene zu jeder Konzession entschlossene Schonung gegen die Anmassungen der Gewalt, sowie ich einen Mann immer noch mehr achten werde, der Furcht hat vor den Vorwürfen seiner Grossmutter, als den, der Furcht hat vor dem Stock des Büttels'4. Die traurigen Erfahrungen vieler Jahrzehnte haben uns heute erkennen gelehrt, wie richtig und durchaus sachgemäss auch hier die Anschauung Gabriel Riessers ist. Gott sei Dank, abgesehen von einem kleinen und trotz alles Geschreies ohnmächtigen Häufleins süddeutscher Fanatiker, sind wir jetzt alle, Fortschrittliche und Konservative, Reformer und Orthodoxe, einig in dem gemeinsamen, begeisterten und bis aufs letzte hartnäckigem Kampfe ums Recht und um die Gleichberechtigung und Würde des Judentums.