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Ost und West · 1906-03-01 · Heft 3 (März 1906) · p. Seite 173 - 174

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 3 (März 1906)
Article
Gabriel Riesser
Date
1906-03-01
Page
Seite 173 - 174 (sequence 4)
Language
German
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173 M. Philippson: Gabriel Riesscr. 174 voll edler Entrüstung zu: „Bezeichnet uns, nennt sie, jene Schulen und gottesdienstlichen Häuser, wenn Ihr sie kennt, in denen solche Schändlichkeiten gelehrt, nennet die Lehrer, durch welche solche frevelnde Tollheiten im Namen der Religion verbreitet werden. Seid Ihr aber dazu nicht im Stande, wie Ihr es nie wäret und nie sein werdet, so bedenkt, dass unerwiesene Verleumdungen auf das Haupt derer zurückfallen, von denen sie ausgegangen sind." Es wies es durchaus zurück, dass die Juden sich die Gleichberechtigung, wie man es damals so oft gefordert hat, und noch jetzt fordert, durch Verzicht auf ihre religiösen und kultuellen Besonderheiten erkaufen müssten. Der Staat hat derartiges zu verlangen nicht das Recht, sondern nur, dass alle seine Bürger sich seinen Gesetzen unterwerfen und die allen gleichen, bürgerlichen Pflichten erfüllen. Selbst das strengste Zeremonialgesetz ist bei den Juden immer ausdrücklich und grundsätzlich vor den Gesetzen des Staates zurückgetreten. Hat man sich gescheut, den Juden ohne Rücksicht auf religiöse Bedenken die Dienste für den Staat aufzuerlegen? Muss er nicht am Sabbat Waffenübungen vornehmen, vor Gericht erscheinen? Nur wenn es gilt, ihm die entsprechenden Rechte zu bewilligen, beruft man sich plötzlich auf das jüdische Zeremonialgesetz, das der Offizier, der Beamte zu verletzen genötigt sein würde. Mit den schärfsten Worten brandmarkt er den niedrig kleinen Brotneid, der den Ausschliessungen der Juden zu Grunde liegt. Man höre seine klassisch geformte, wie glühend flüssiger Granit wirkende Rede: „Der Fanatismus war ein glühend Feuer, das seine Priester wie seine Opfer verzehrte, jetzt ist es ausgebrannt zur kalten Kohle des Neides, die den einen wie den andern besudelt. Der Religions-: hass hatte seinen Bau in den Tiefen der Gemüter und der Institutionen begründet; die. Religion ist daraus gewichen, aber die leeren Gerüste des Hasses stehen noch eine Weile, und in den verödeten Bau ist, niedrigen Nachtvögeln gleich, die elendeste aller Leidenschaften, die Missgunst gegen jede fremde Kraft, jeden fremden Gewinn, jedes fremde Wissen eingezogen; ihr Losungswort ist: Tod jeder fruchtbaren Tätigkeit; Tod jedem nützlichen Streben; Tod jeder freien Entwicklung einer fremden Kraft. Jene neidische Gesinnung, machtlos in den übrigen Beziehungen des Lebens, ist mächtig und einflussreich den Juden gegenüber, sie zieht die Religion in das Gebiet ihrer niedrigsten Absichten herab. Ohne Scheu vor der Entweihung des Heiligsten, hat sie den Glauben als Schildwache hingestellt vor die Tore der Zünfte, vor . die Eingänge zu jeder Laufbahn des bürgerlichen Lebens. DieFrage,ob dieReligion länger als ein Mittel zur Beschränkung der Konkurrenz' missbraucht werden soll, ist die einzige praktische Seite der Emanzipation der Juden." Wahrheit war ihm das höchste Gut der Menschen; und deshalb schreckte er, so weit er äusserlich die Assimilation der jüdischen Deutschen mit den christlichen Deutschen entwickelt zu sehen wünschte, mit Abscheu. vor dem Uebertritte zu einer, von Verstand und Herz für falsch erkannten und gehaltenen Religion zurück. „Nur Glaube und Ueberzeugung", sagte er, „nicht schnöde Rücksicht auf unseren Vorteil, nicht ein feiges Weichen vor sinnloser Gewalt müssen diese Fragen entscheiden." Er führt gern das Wort einer englischen Zeitung an: „Solange es eine herrschende Religion gibt, werden sich alle ■ Schlechten; im Lande zu ihr bekennen." —. „Etwas anderes, als eine Handlung; des Eigennutzes und der Bequemlichkeit sieht: von christlicher Seite, in, einer Glaubensänderung ohne die .bestimmtesten! Beweise von Hunderten , kaum .Einer. Wir. verachten . den Jesuitismus .' der Aufklärung, der den Glauben wie das Gewand wechselt, der-den Lama oder Fetisch wie: Mohamet oder Christus anzubeten bereit ist, je nachdem die Umstände es mit sich bringen. Das inhaltschw.ere Wort der ewigen Wahrheit „du',sollst den. Namen deines Gottes, nicht umsonst anrufen"' hallt ewig in den Tiefen unseres : Herzens wieder. und'< flösst! uns ein Grauen ein, vor, einem Gottesbekenntnis, an dem das Herz.keinen Teil hat,, und Abscheu gegen eine . verworfene Gesetzgebung, die zu solchen Bekenntnissen lockt. Während die Heiligkeit des Eides noch als die unentbehrlichste Bürgschaft für Treue und Glauben, als das letzte ernsteste Mittel gilt, das dem Gesetze zur Erforschung der Wahrheit zu Gebote steht, so bürgt nichts dafür, dass nicht jener Eid der Eide, das nicht das Bekenntnis dessen, bei dem alle Eide geschworen werden, als ein offenkundiger Meineid vor den Augen und nach der moralischen Ueberzeugung aller Welt des Vorteils wegen abgelegt und dieser Meineid vom vStaate mit Rechten und Würden belohnt werde."

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