Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 3 (März 1906)
- Article
- Gabriel Riesser
- Date
- 1906-03-01
- Page
- Seite 171 - 172 (sequence 3)
- Language
- German
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171 M. Philippson: Gabriel Riesser. 172 sie lernten den Weg beschreiten, der allein sie zum Siege zu führen vermochte. An Riessers Beispiele erhob sich eine ganze Generation deutscher Israeliten; und die kraftvollen Kämpfer, die nunmehr den Krieg gegen Vorurteil und Ausschliessung begannen, die Geiger, Steinheim-Ludwig Philippson, Karl Weil, Johann Jacoby und so viele andere, sie waren die Schüler und Heerfolger Gabriel Riessers. Nicht mehr Gnade, Zugeständnisse, Herablassung wurden verlangt, sondern das ganze und volle Recht des Menschen und Bürgers. Dieser bedeutsame Umschwung ist Riessers Verdienst. Er hat in Deutschland die Sache der Juden zu einem der fundamentalen Grundsätze der grossen, immer stärkeren liberalen Partei gemacht. Schlag auf Schlag folgten seine Schriften; wo seinem Glaubensgenossen ein Unrecht geschah, da trat Riesser auf den Kampfplatz. Einem sogenannten freisinnigen christlichen Theologen, der, wie seine Nachfolger heutzutage, das von ihnen schon in seinen eigentlichen Lehren aufgegebene Christentum sich durch Beschimpfung des Judentums retten wollte, antwortete er durch die „Verteidigung der bürgei liehen Gleichstellung der Juden gegen die Einwürfe des Kirchenrats Paulus" (Altona 1831). Im folgenden Jahre gründete er, immer zu gleichen Zwecken, eine Zeitschrift „Der Jude", die, mit Aufsätzen meist aus seiner Feder, zwei Jahre lang erschien, und dann noch einmal 1835 auf kurze Zeit erneuert wurde. Hier beleuchtete er scharf die Verhandlungen über Verbesserung der Verhältnisse der Juden in einigen ständischen Versammlungen und den traurigen Zustand seiner Glaubensgenossen in Preussen, Sachsen und anderen deutschen Staaten. Immer scharf, schneidig, vom Standpunkt der höchsten, der ewigen Prinzipien aus. Nach der mit vielen überspannten Hoffnungen begrüssten Thronbesteigung Friedrich Wilhelms IV. und nach dem Hervortreten seiner Absicht, die Juden als eigene Nation in seinem Staate zu konstituieren, beleuchtete Riesser die Torheit und Unmöglichkeit eines solchen Gedankens in: „Besorgnissen und Hoffnungen für die künftige Stellung der Juden Preussen" (1842). Andere Denkschriften galten den Hamburger Verhältnissen. Mit grosser Schärfe wandte er sich wiederholt gegen die abfällige Behandlung, die die Juden in den Ständeversammlungen Schleswigs - Holsteins erfahren hatten. (1837, 1840). In den 1840 und 1S42 erschienenen Jüdischen Briefen" kämpft er um die Ehre der Juden, indem er schriftstellerische Angriffe auf sie mit scharfen Waffen abwehrt und auf die unsittlichen Beweggründe zurückführt, aus denen sie hervorgegangen sind. Zumal die wissenschaftliche Unwahrheit und Verleumdung, wie Menzel sie geübt hatte, erfuhren seine wuchtigsten Streiche. Als der radikal skeptische christliche Theologe Bruno Bauer nicht nur die jüdische Religion, sondern auch die Juden und deren Streben nach Gleichberechtigung auf das schärfste angriff, antwortete Riesser in drei Abhandlungen in den „konstitutionellen Jahrbüchern" (1843), wo er am nachdrücklichsten die Forderungen der Juden als solche der Humanität und Gerechtigkeit und als einen integrierenden Teil des liberalen Programms darstellte. Hiermit und mit einer 1S44 herausgekommen Schrift über Geheimrat Streckfuss endigt die polemische Tätigkeit Riessers in der Judenfrage: seitdem war diese allerdings, wenigstens auf dem Boden der Theorie, zugunsten der Juden entschieden. Auch der persönliche Anlass zum Kampfe war seit ] 840 für Riesser durch dessen Zulassung zum Notariat und bald durch seine glänzende politische Laufbahn fortgefallen. Aber stets blieb ihm sein inniges eigenstes Verhältnis zum Judentume. Schon in seiner ersten Schrift sagte er: „Wir haben nur Ursache, die Religion unserer Väter zu lieben; denn wir sind ohne Vorurteile in einem reinen Gottesglauben aufgewachsen, in dem unbesiegbaren Vertrauen auf eine göttliche Führung und auf den endlichen Sieg des Guten und Rechten erzogen." Er hat sich stets, bis zu seinem Ende laut und offen zum Judentum bekannt, und dessen Fundamentalsatz: „Höre Israel, der Ewige unser Gott, der Ewige ist einig und einzig" galt ihm stets als heilige und unantastbare Wahrheit. Er war und blieb Jude und das aus tiefer mit seinem ganzen Wesen unlösbar verschmolzener Ueberzeugung. An den höheren Festtagen erschien er regelmässig in dem Neuen Israelitischen Tempel in Hamburg. Eine Abwendung von aller Religionsübung erschien ihm nicht als Kennzeichen eines starken und vornehmen Geistes, wie er denn festes und gleichsam instinktives Gottvertrauen in allen Lagen seines Lebens hegte und zur Schau trug. Für die Sittenlehre des Judentums hegte er die grösste Verehrung. Ihren Verleumdern, die behaupteten, das Judentum lehre Redlichkeit und Mitleid nur für dessen eigene Bekenner, ruft er