Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 3 (März 1906)
- Article
- Gabriel Riesser
- Date
- 1906-03-01
- Page
- Seite 169 - 170 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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169 M. Philippson: Gabriel Riesser. 170 gegen Ende seines Lebens der allgemein hochgeachtete Mann die höchste Stellung des Rechtsgelehrten, indem er 1860 zum Mitglied des Obergerichts ernannt ward. Schon am 22. April 1863, erst soeben 57 Jahre alt, ist er gestorben. Glücklicher als Moses, hatte er das gelobte Land, um das er 30 Jahre lang gekämpft hatte, eben noch betreten dürten. Das Bewusstsein des ungeheuren Unrechts, das ihm und seinen Glaubensgenossen in Deutschschland angetan ward, hatte dem eigentlich friedliebenden und ruhebedürftigen Manne das Schwert in die Hand gedrückt oder vielmehr die Feder, die ihm zum Schwerte wurde. Schon 1831 hat er die Schrift veröffentlicht: „Ueber die Stellung der Bekenner des mosaischen Glaubens in Deutschland. * Sie bezeichnete sofort den Beginn einer neuen Epoche in dem Emanzipationskampfe der deutschen Juden. Bisher hatte die schon sehr umfangreiche Literatur dieses Kampfes von jüdischer Seite sich nur gegen einzelne Kränkungen und Hintansetzungen gewandt. Sie hatte solche mit mehr dialektischer Schärfe und kaustischem Witze als mit Sicherheit und Ueberzeugung bestritten. Sie hatte einzelne Rechte und Freiheiten auf Grund gesetzlicher Bestimmungen und tatsächlicher Ueberlieferungen gefordert. Riesser aber, mit allgewaltigem Feuer im Bewusstsein des grossen menschheitlichen Rechtes und des Strebens nach Freiheit und Wahrheit erfüllt, getragen von der Bitternis des schändlichen Unrechts, das man den Juden zufügte, nur weil sie ihrem vieltausendjährigen Glauben treu blieben, bestritt nichts Einzelnes, verlangte nicht dies und das, sondern alles, das volle Recht, die ganze Gleichstellung; und er erbettelte das nicht von der Gnade, sondern er forderte es unwillig und entschieden, als etwas, das den Juden gebühre, als eine sittliche Pflicht von f'. B «# Gabriel Riesser, hervorragender Politiker und Vorkämpfer der Juden-Emanzipation in Deutschland, geb. 2. April 1806, gest. 22. April 1863. Seiten der Völker, der Volksvertretungen und der Regierungen. Er wies darauf hin, dass die Sache der Juden identisch sei mit dem allgemeinen Kampfe der Unterdrückten gegen die Unterdrücker; und so gewiss die Wahrheit über die Lüge, so gewiss das Recht über das Unrecht siegen müsse, so gewiss werde auch ihnen der endliche Sieg nicht fehlen. Und deshalb rief er auch die Juden selber zur Tat auf. Sie sollten nicht mehr stille sitzen, die Verfechtung ihrer Sache nicht mehr einzelnen Gutwilligen überlassen, sondern sich allerorten zusammentun und unausgesetzt für ihr gutes Recht reden, schreiben und an Kammern und Regierungen petitionieren. Hier sei Bescheidenheit gleichbedeutend mit ekelerregender Feigheit; sie ziere nur den Starken, für den Schwachen sei sie ein elender Tribut der Unterwürfigkeit. Diese glühenden Prinzipien, in vollendet sprachlicher Form, mit hinreissender Beredsamkeit vorgetragen,brachten überall den tiefsten Eindruck hervor. Der Geist der Liebe und Duldung, der bei allem- Zorn und aller Energie alles^ was er sagte und schrieb, durchwehte, gewann ihm die Herzen, wie seine scharfe, zwingende Logik die Geister. Zahlreiche edel- und freidenkende Christen wurden durch sie nicht nur für den Verfasser, sondern auch für die Sache der Juden gewonnen. Hier stammelte nicht mehr ein Orientale in Befangenheit und Spitzfindigkeit; hier sprach ein Deutscher endlich zu Deutschen. Die Geradheit und Stärke, mit der die Ansprüche der Juden aul dem Boden allgemeiner Grundsätze gestellt wurden, riss auch die Widerstrebenden mit fort. Aber noch mächtiger wirkten diese und die folgenden Schriften Riessers auf seine eigenen Glaubensgenossen. Ihr Selbstgefühl stärkte sich an ihnen, sie gewannen hier die Ueberzeugung von ihrem Rechte und ihrer moralischen Stärke,