Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 3 (März 1906)
- Article
- Die ideale Organisation einer allgemeinen israelitischen Allianz
- Date
- 1906-03-01
- Page
- Seite 163 - 164 (sequence 3)
- Language
- German
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163 Mathias Acher, Wien: Die ideale Organisation einer allgemeinen israelitischen Allianz. 164 die verschiedenen Gesinnungen und Weltanschauungen zu einer Art neutralen Ausdrucks gelangen können und müssen. Aber zu einer direkten Exekution gewisser politischer oder religiöser Parteiwünsche darf sich auch der allgemeinste jüdische Bund niemals stempeln lassen. Schon deshalb nicht, weil er keine Mittel hätte, seine parteiartigen Beschlüsse für die Gesamtheit verbindlich und dauernd auf sie wirksam zu machen. Dagegen ist es seine Sache, allen jüdischen Wohlfahrts- und Kulturbewegungen und -Ansprüchen, die auch eine ausserparteiliche Betätigung ermöglichen und einander nicht durchaus ausschliessen, ein autonomes Tätigkeitsgebiet zu eröffnen und zu sichern. Von diesem Gesichtspunkte aus ergeben sich für eine Alliance, wie sie sein soll und vielleicht noch einmal sein wird, folgende selbständige Tätigkeitsgebiete: A. In Wohlfahrtssachen: 1. Anstrebung bezw. Förderung und Verteidigung der politischen und nationalen Gleichberechtigung der Juden in den verschiedenen Ländern. 2. Wirtschaftliche Förderung jener jüdischen Gruppen, die durch Katastrophen oder durch eigenartige gesellschaftliche Stellung und ökonomische Schichtung wirtschaftlich gelitten haben, und nicht auswandern wollen oder nicht um jeden Preis müssen. 3. Auswanderungswesen. B. In national-kulturellen Sachen. 4. Pflege von Sprache, Kunst und Volkseigenart. Geistige und leibliche Erziehung. 5. Palästina. Die Tätigkeitsgebiete müssen als selbständige Or ganisationen gedacht werden. Jedes Mitglied der Alliance soll nur einer derselben anzugehören brauchen, aber allen angehören können. Jede Organisation hat ihre eigene Leitung. Sämtliche Leitungen haben ohne Rücksicht auf die Stärke der Organisationen die gleiche Anzahl von Mitgliedern und bilden zusammen die Oberleitung des ganzen Bundes. Sonst gibt sich jede Organisation die Gesetze, schafft sich diejenigen Aemter und Einrichtungen, die ihren Zwecken entsprechen, und wählt sich namentlich ihre .Zentrale dort, wo es für sie am besten ist. So bestimmt z. B.~ die Auswanderungsorganisation. London zu ihrem Sitze und lichtet ihre sonstigen Bureaus in den Emigrationsländern selbst, an den Ausfallstationen, den Hafenplätzen und Landungsstellen ein. So müsste sich, ginge es nach meinen Anschauungen über die Palästinafrage, die Zentrale für Palästina-Organisation in Jerusalem oder Jaffa etablieren. Diese Verfassung könnte in parlamentarischen Versammlungen der einzelnen Organisationen und in einem Parlamente der Gesamtorganisation ihre Ergänzung finden.*) Nebst anderen Agenden hätten diese Parla- *) Der Gedanke eines jüdischen Parlaments wird jetzt namentlich von Belisha verfochten. Ich sprach ihn in einer im Sommer 1905 verfassten Schrift, die'noch imgedruckt ist, die ich aber um die Jahreswende 1905/06 in Wien zum Vortrag brachte, ebenfalls aus. In nuce ist er ja übrigens auch in der weiter unten zitierten Stelle aus dem „Weg" (1903) enthalten. Nur geht das Belisha'sche Parlament der Organisation voraus. Kinderheim der „Alliance Israelite Universelle" in Hasskeny, Constantinopel.