Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 3 (März 1906)
- Article
- Die Alliance Israélite Universelle
- Date
- 1906-03-01
- Page
- Seite 149 - 150 (sequence 3)
- Language
- German
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149 Die Alliance Israelite Universelle. 150 den ersteren 528 Jünglinge, in der letzteren 480 Schülerinnen Ausbildung im Handwerke genossen? Ferner, dass eine. Handwerkerschule in Jerusalem mit 97 Lehrlingen besteht, zwei Ackerbauschulen in Jaffa und Djedeida, die die Alliance ins Leben gerufen hat und leitet, 273 Schülern im genannten Jahre die Ausbildung in der Landwirtschaft gewährte? Man darf aber nicht allein bei diesen Zahlen verweilen, sondern man muss auch ermessen, was sie besagen, — zumal in Ländern, wo ein öffentliches Schulwesen überhaupt unbekannt ist, wie in den muhammedanischen Ländern, oder wo es kaum erst die primitivsten Stufen der EntwickeluDg erreicht hat, wie im europäischen Orient. Mit wie vielen Vorurteilen und scheinbar unüberwindlichen Hindernissen hatte da die Alliance nach innen und nach aussen zu kämpfen, bis sie ihr Schulsystem auf die gegenwärtige Höhe gebracht! Selbst ein mit grossen Machtmitteln ausgerüsteter Staat, der über ein wohlorganisiertes Verwaltungssystem verfügt und über eine Legion von Beamten gebietet, hätte Grund, auf einen solchen Erfolg stolz zu sein. Welch eine ungeheure Summe rastloser, liingebungsvoller Arbeit steckt in diesem Werk! Und wie ausgezeichnet muss der Apparat, der solches zu bewirken vermochte, funktionieren, — in der Hauptsache wenigstens, von kleinen Mängeln abgesehen! Welch eine grosse Organisationsgabe, Anpassungsiähigkeit, Geschmeidigkeit und Triebkraft hat die Alliance hierdurch an den Tag gelegt! Wäre es nicht ein für die ganze Judenheit unersetzlicher Verlust, wenn eine solche Institution ihre Wirkungskraft einbüsste und aufhören würde, einen Faktor in unserem Kulturleben zu bilden? Welchem Umstände aber verdankt die Alliance Israelite Universelle in erster Keine ihre grossen Erfolge? In allererster Reihe ihrem internationalen Charakter. Sie ist nie als eine Organisation französischer Juden aufgetreten, sondern stets nur als Repräsentantin des Gesamtjudentums, ohne Unterschied der Landeszugehörigkeit und Nationalität ihrer Mitglieder. Obgleich ihr vielleicht der weitaus grösate Teil ihrer Mittel von französischen oder in Frankreich ansässigen Juden zufloss, so hat sie doch stets ihren universellen Charakter gewahrt und über die politischen Gegensätze und den Interessenstreit der einzelnen Länder, aus denen ihre Mitglieder .sichrekrutierten, hinweg, allein ihrem hohen Kulturideal zugestrebt, das uns alle, ohne Rücksicht auf Nationalität und politische Gesinnung, einigt, nämlich der Besserung der Lage unserer Glaubensgenossen in jenen Ländern, wo sie um ihres Glaubens willen zu leiden haben. Nur wer verblendet genug ist, Schlagworten zu folgen, die gewiss nicht von judenfreundlicher Seite ausgehen, konnte gegen die Alliance den Vorwurf erheben, dass sie sich von französischem Chauvinismus leiten lasse. Man vergisst, dass zu ihren ersten Begründern kein Geringerer als Salomon Münk gehörte, ein in Deutschland geborener und erzogener Jude, der, obwohl in Frankreich zu Ruhm und Ehren gelangt, doch bis an sein Lebensende seinem Geburtslande, wie wir aus seinen vor wenigen Jahren, veröffentlichten Briefen wissen, mit warmer Liebe zugetan Avar. Ein Gleiches gilt z. B. von dem verstorbenen Julius Oppert. Beide Männer bekleideten sogar die höchsten und verantwortungsvollsten Posten innerhalb der Organisation. Freilich war der Unterricht in den Schulen der Alliance bisher vorwiegend französisch geleitet — und das ist eben einer der Punkte, in denen das Programm der Alliance, den geänderten Umständen gemäss, einer Aenderung bedarf. Allein bislang entsprach dies eben den tatsächlichen Bedürfnissen. Denn der französische Einfluss war tatsächlich im ganzen Orient vorherrschend und die französische Sprache die Kultursprache par excellence. Es war also förmlich unmöglich, daran zu arbeiten, die dortigen Juden zum europäischen Kulturniveau zu erheben, ohne ihnen in erster Reihe das Französische beizubringen. Eine Absurdität jedoch wäre es gewesen, von der Alliance zu verlangen, dass sie etwa ihre Zöglinge alle Sprachen lernen lasse, aus deren Bereich sich ihre Mitglieder rekrutieren, damit keiner europäischen Nationalität Abbruch geschehe! Ebenso wie die Alliance die Bekenner der verschiedensten religiösen Richtungen innerhalb der Judenheit um ihr Banner zu scharen verstand, so hat sie auch die Bürger der - verschiedenen Länder und die Angehörigen der verschiedenen politischen Nationalitäten zu einem Bund vereinigt, der über allen nationalen und politischen Streitigkeiten steht. Dadurch begründete sie jene grossartige Universalität und In ternationalität, die allein es ihr möglich gemacht haben, erfolgreich zu wirken. Schon darin allein, dass in ihr das Judentum als solches, von allen politischen und nationalen