Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 3 (März 1906)
- Article
- Die Alliance Israélite Universelle
- Date
- 1906-03-01
- Page
- Seite 147 - 148 (sequence 2)
- Language
- German
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147 Die Alliance Israelite Universelle. 14S haben, vor kurzem nach Berlin eine Versammlung zu berufen, die sich mit dem Problem der Verjüngung der Alliance Israelite Universelle zu befassen hatte. Wir sagen Verjüngung. Denn die Alliance Israelite Universelle bedarf einer Verjüngung. Die Männer, die im Dienste dieser glorreichen Institution in hohen Verdiensten grau geworden sind, sind eben — grau geworden. Und die Gegenwart erfordert jüngere, frischere Kräfte und auch — frischere Grundsätze, die die älteren, dort wo es nottut, ergänzen und organisch weiter bilden sollen. Aber es war gut und weise, dass diese Männer sich zusammengetan haben, um die Alliance Israelitc Universelle zu verjüngen, ihr neuen Geist einzuhauchen und frische Säfte zuzuführen. Und es ist nur von Herzen zu wünschen, im Interesse des Gesamtjudentums zu wünschen, dass ihr Bemühen von der Gesamtheit unserer Glaubensgenossen gewürdigt, gefördert und ihm zu dem verdienten Erfolg verholfen werde. Es ist leider bei uns Juden ein alter, tief eingewurzelter Fehler, dass wir im Drange der Zeiten, wenn die Not des Lebens an unsere Gesamtheit herantritt, so selten an das Bestehende und Altbewährte anknüpfen, um darauf fussend weiter zu bauen, sondern jegliche Arbeiten von vorne anfangen, das Erworbene aufgeben, die gesammelten Erfahrungen leichten Herzens vernachlässigen und immer nur neue, ungewisse Wege zu wandeln suchen. So manches Wertvolle und Unersetzliche an Kulturgütern ist uns auf diese Weise unwiederbringlich verloren gegangen. Die Alliance Israelite Universelle soll nicht dem gleichen Schicksal anheimfallen. Dazu ist sie viel zu teuer und wertvoll. Viel zu viel der kostbarsten Arbeit der edelsten und besten Juden der zweiten Hälfte des vergangenen Jahrhunderts ist in ihr aufgespeichert. Sie hat sich durch ein segensreichen Wirken, welches beinahe ein volles halbes Jahrhundert gewährt, innerhalb der Gesamtjudenheit und insbesondere bei den Juden im näheren und ferneren Orient ein solches Prestige erworben, wie es von keiner anderen jüdischen Organisation auch nur annähernd erreicht worden ist. Würde sie verschwinden oder in ihrer Wirksamkeit dauernd gelähmt und beeinträchtigt werden, so käme dies beinahe einer Katastrophe für das Judentum gleich. Nicht allein, weil viele Hunderttausende unserer Brüder um die Früchte der Arbeit dieser grossen Vereinigung gebracht würden, und zwar in den Ländern, wo sie ihrer am meisten bedürfen. Sondern viel mehr noch darum, weil das Gekniektwerclen einer solchen Institution, wie die Alliance Israölite Universelle, die Hoffnung und das Vertrauen der Juden aller Länder in die eigene Kraft, die Zuversicht, dass wir Juden befähigt sind, aus eigenen Kräften etwas Grosses und Dauerndes zu vollbringen, die notleidenden Schichten unseres Volkes zu befreien und zu heben, brechen würde. Wenn eine Gesellschaft, die ein halbes Jahrhundert lang gewirkt und geschaffen, über die fernsten Länder ihre Arbeit ausgedehnt, die Juden aller Nationalitäten um ihre Fahne geschart, allen schwersten Anfeindungen zum Trotz standgehalten hat — wenn eine solche Institution schliesslich zu Falle gebracht werden konnte, was kann noch ferner Bestand haben innerhalb der Judenheit? Die Entmutigung und Hoffnungslosigkeit würde langsam, aber mit unheimlicher Sicherheit um sich fressen und das Aufkommen tatenfroher Zuversicht und lebendiger, hingebungsvoller Arbeitsfreudigkeit ersticken. Schon um dessentwillen allein darf die Alliance um keinen Preis geschwächt werden. Darum gebührt aufrichtiger Dank jenen Männern, die sich in Berlin zusammen getan haben, um sie von neuem zu kräftigen und zu verjüngen. Das Zentralkomitee der Alliance Israelite Universelle war stets ein Feind der grossen Trommel. Seine Jahresberichte sind streng sachlich, fast kühl und zurückhaltend. Die Alliance macht keine Reklame für sich. Das mag sehr vornehm sein, aber in unseren Zeiten des überlauten Hallali ist das vom Uebel. Darum sind die Leistungen und Erfolge der Alliance in den breiten Schichten des jüdischen Volkes, namentlich in Deutschland, sehr wenig bekannt. Man kennt gemeinhin nur den Namen und verbindet mit ihm eine vage Vorstellung von einer im grossen Massstabe geführten Kulturarbeit im Osten Europas, in der Türkei, Persien und Nordafrika, aber Genaues weiss man nicht darüber. Wie viele von uns wissen z. B., dass die Schulen der Alliance in den obgenannten Ländern von nahezu 48 000 Schülern und Schülerinnen besucht werden, von denen ein grosser Teil auf Kosten der Gesellschaft überdies auch gespeist und gekleidet wird? Dass vor drei Jahren die Zahl der von der Alliance unterhaltenen Lehrlingswerke für Knaben 35, der für Mädchen 18 betrug, dass in