Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1906)
- Article
- Platons Leichenbegräbnis
- Date
- 1906-02-01
- Page
- Seite 121 - 122 (sequence 6)
- Language
- German
- Belongs to
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121 Binjamin Segel: Piatons Leichenbegängnis. 122 glotzte .sehr aufmerksam hin, immer nocli die Mütze in (Um- Hand, und als er schliesslich bemerkte, dass der Leichenwagen von keinem Kreuz gekrönt war, ward es ihm klar, dass man ihn betrogen hatte. Fr stii]])te sich erbost die Mütze wieder auf, brummte: ..psia jurha fcydzi szachraje!" (Hundeblut, diese Juden, diese Betrüger!), spuckte zweimal kräftig ans und trieb seine Uösslein an, dass sie schier in die Menge hineingefahren wären. Ich sehloss mich dem Zn»v an und schritt neben den Choristen daher. ..ich glaube, mindestens einen dulden auf den Kopf" hörte ich meinen Nebenmann sagen, der unter seiner dünnen Kutte vor Kälte zitterte und sich die erfrorenen Hände rieb. ..Was? Nicht mehr*?" rief sein Nachbar. ..Für diesen Hundelohn soll man sich einen «ranzen Nachmittag bei der Kälte herumschleppen und sich den Hals heiser .schreien? Und was bekommt der Dicke dort vorne?" ..Mindestens hundert. Dafür ist er ja aber auch Kantor." -letzt erhob der Kantor die Hand und man nahm den Gesang wieder auf. Es war wohl ein Psalm, den man vortrug, aber die Worte erstarben unter der fremdartigen, gekräuselten Melodie. Mein Nachbaisang mit, legte aber einen eignen Text untei-. ..Ho—o—ol sie — de—er Ten—eufel alle mi—it ein—a—a—ande—e—er . . ." Ein ersticktes Lachen ging durch die nächsten l{eihen, aber der feierliche, langgezogene Totengesang hörte nicht auf, in die Ferne zu hallen und ein Echo zu wecken. Ich liess den Zug vorbeipassieren. Finer der Kranzträger, ein guter Bekannter von mir, bemerkte mich und winkte mir mit einem verstohlenen Augenzwinkern zu. Liwar ein Verwandter des Frzbischofs, ein ausgelassener, übermütiger Tausendsasa, der die ganze Stadt kannte, auf allen .Bällen die Tänze arrangierte und ohne den keine ..öffentliche Hetz" vor sich gehen konnte. Fr und sein Nachbar trugen mit vereinten Kräften einen mächtigen Kranz, auf dessen weissen Schleifen in goldgestickten Lettern die Aufschrift prangte: ..Seinem edelmütigen "Wohltäter der Verein zur Unterstützung armer Witwen." ..da, er war ein edelmütiger Freund und Tröster der Witwen — dieser Dein Glaubensgenosse, dem wir die Fhre erweisen", begann mein Nachbai-, dessen Gesicht von einer Maske tiefen Frustes bedeckt war-, während die Spitzen seines schmucken, pomadisierten blonden Schnurrbarts fröhlich zuckten. ..Eine Menge Witwen gibt ihm das Geleite. Sieh da rechts diese stattliche Blondine mit dem dunklen Spitzenschirm. Sie ist untröstlich. Bekommt (.las Haus in Mariengasse und eine Iteilte von Dreitausend. Und die liebe, gute, süsse .ladwinia, die mit dem Schönheitsmal auf der Wange... Wie, Du kennst sie nicht? .Bist ein Tolpatsch, lieber Freund . . . Fs sind noch ein paar andere im Zuge da . . . Und wie viele erst trauern ihm nach, draussen auf seinen (Untern . . . Wahrhaftig, es bricht einem das Herz, wenn man an die vielen Tränen denkt . . . Sag mal, gibt es bei Euch .luden auch einen Leichenschmaus? . . . Aufrichtig gestanden, ein (Häschen Bordeaux, ein Kaviarbrödchen. eine Poularde könnte man schon vertragen nach dem Marsch und den Anstrengungen ..." Ich war minie und konnte nicht Schritt halten, dabeigeriet ich immer mehr in die hinteren Reihen. An mir kamen die Zünfte mit ihren Fahnen, eine grosse Anzahl Deputationen jüdischer und christlicher Wohltätigkeitsvereine vorüber. Durch die Scheiben einer der ersten Karossen erblickte ich den blinkend weissen Brustlatz und den langen braunen Bart des Predigers mit der einer Mitra ähnlichen Ornatsmiitze auf dem Kopf: er war in die goldberänderte "Bibel vertieft. ..Lud die Gräfin, ist die auch im Zug?" fragte neben mir eine schmucke 'Brünette mit einem Lächeln, das ihre weissen Zähne zeigte. ..Welche Gräfin?" rief die Nachbarin. ..Ich meine seine Tochter, die getaufte, die den Grafen Tylzvnski geheiratet hat, welcher sie jeden Tag prügelt, dass sie sich fortwährend schminken muss, damit man ihre blauen Flecke nicht sieht. Gott, es wäre so amüsant, zu sehen, wie die sich benehmen wird." Nun geriet ich in eine Gruppe stattlicher, vornehmer Bürger in Zylinderhüten und schwarzen Handschuhen. ..Nämlich vor etwa vier Jahren war es," "klärte einer von ihnen seinen Nachbar mit gedämpfter Stimme auf. ..Er lag schwer krank darnieder; da kamen seine beiden Kompagnons zu ihm in .Besuch. Verstehen Sie mich, einem kranken Mann, mit dem man dreissig Jahre lang geschäftlich assoziert war, macht man doch einen Besuch. Man spricht, verstehen Sie mich, von Geschäften, von der Welt, von dein und jenem, und macht ihm schliesslich den Vorschlag, seinen Anteil am Brauhaus zu verkaufen. Er glaubte sich schon mit einem Fuss jenseits der Laterne, wie man zu sagen pflegt, und dachte bei sich, ich will lieber selber mit Fuch abwickeln, anstatt dass meine Erben mit Euch zu tun bekommen. Fr kannte nämlich seine Pappenheimer nur KU. gut. Also schön. Fr verkauft ihr seinen Anteil; für einen Spottpreis natürlich. Acht Tage darauf haben die Herren das Brauhaus mit einem Nutzen von einer halben Million weiter verkauft. Die Sache war nämlich hingst abgekartet, während er krank lag und nichts ahnte. Er hat es bis an sein Fnde nicht verwunden. Natürlich war es ihm nicht um die paar Hunderttausende zu tun. Aber der Ehrenpunkt, mein Lieber! Fr, der sein ganzes Leben lang alle anderen so schön zu rupfen verstand, hatte sich diesmal, so famos hineinlegen lassen. Das erträgt man nicht so leicht/-