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Ost und West · 1906-02-01 · Heft 2 (Februar 1906) · p. Seite 123 - 124

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 2 (Februar 1906)
Article
Platons Leichenbegräbnis
Date
1906-02-01
Page
Seite 123 - 124 (sequence 7)
Language
German
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123 Binjamin Segel: Piatons Leichenbegängnis. 124 ..Vierundzwanzig, achtmal vierzig, sechszig Prozent und darüber nahm er, wie es sich traf", murmelte weiter hinten ein dicker, kleiner Mann mit aufgedunsenen Hacken seinem Nachbar zu, während seine kurzen ■Finger mit den platten breiten Nägeln einen schwarzen Handschuh schwangen. ..in früheren Zeiten nämlich, als er eben seine Karriere begann. Nachher hatte ers freilich nicht mehr nötig." „Es hat ihm gottlob nichts geschadet, sehen Sie; der Statthalter, der Marschall und der ganze Gemeinderat folgten seinem Leichenzug." ..Und waren immer seine regelmässigen .Jagdgäste und schmausten und tranken mit ihm. Sie sind eben keine Antisemiten." ..Der da redet von sechzig Prozent11, bemerkte ein anderer im schiefsitzenden Cylinder und abgeschabten Rock, der in einer der folgenden Gruppen schritt. ..Warum berechnet er lieber nicht die Prozente, die ihm seine AVoehengelder tragen? Er bewuchert allei'dings nur .luden. Er will keinen Antisemitismus n lachen. " Nun defilierten die Zöglinge des Waisenhauses, für das der 'Verblichene eine grosse Stiftung vermacht hatte; voran kam ein Fahnenträger, dahinter gingen die Kinder in Reih und (Mied, von ihren Lehrern und Lehrerinnen begleitet. Es musste einen mit Genugtuung erfüllen, zu sehen, wie gründlich hier die moderne Zeit über die veralteten, rück ständigen, überwundenen Anschauungen des Talmud triumphierte, der es strengstens verbietet, Schulkinder zu stören, um einen Leichenzug zu begleiten. Ein schönes braunes Mädchen führte einen kleinen, etwa achtjährigen Knirps bei der Hand, der vor Kälte blau im Gesichte war und aussah, als wollte er in ein Weinen ausbrechen. ..Sei still, sei still, mein Liebling," beruhigte sie ihn, ..wenn wir nach Hause kommen, kriegst Du warme Milchsnppe mit Grütze! Sei still." ..Auch eine Semmel?" „Gewiss, mein '.Herz, auch eine Semmel." Den Zug beschloss eine Schar von einfachen .luden in langen Kücken aus der Provinz. „Meine Red' möge ihm nicht zu schwer sein,'' bemerkte einer von ihnen im Gespräch mit seinen Begleitern, ..aber ein guter Mensch war es nicht. So oft er ein Gut kaufte, begann er damit, die jüdischen Pächter und Angestellten davonzujagen. Leute, die zwanzig und dreissig Jahre unter den alten Edelleuten ihr ."Brot verdienten, mussten hinaus. Dann schickte er im Winter achtzig oder hundert Scheffel Kartoffel und zehn Klafter Brennholz nach der Stadt für die Armen. Aber immerhin, man darf nicht beten um einen bessern Herrn. Die Söhne sind tausendmal schlimmer. Gott soll mich nicht strafen für meine Red'." Ei* schlug sich mit den Fingern auf den Mund. Der Zug war seinlang, und als ich mit den letzten Reihen, unter denen ich marschierte, beim Friedhof anlangte, war die Trauerhalle, schon gedrängt voll und die Cei-emonie hatte längst begonnen. Ein grosser Teil des Publikums hatte sich zwischen den Alleen und auf den Gängen verstreut. 'Herren und Damen spazierten auf und ab, manche lehnten an Grabsteinen, und plauderten gemächlich. Die Wolken hatten sich zerstreut, die giusse rotglühende Sonne vergoldete mit ihren sinkenden Strahlen die glänzenden Cylinderhiite der. trauernden Herren und die kostbaren Federn auf den Köpfen der hübsche]i trauernden Damen, wob ein glitzerndes Netz um das Gitterwerk des breiten, angelweit geöffneten Hauptportals, an dem der majestätische Portier in seinem prachtvollen, galonierten Mantel lehnte, das Szepter in der Rechten, während die schmutzige Unterhose, die er in der Eile zu verstecken vergass, ihm unten hervorblickte. Die lange Reihe der Wagenscheiben schimmerte im Abendrot wie ein goldglänzender, in der Luft schwebender Strom. Ich bahnte mir mit Mühe durch die dichtgedrängte Menge einen Weg in die Traüerhalle. Von der schwarzen Drapierung hoben sich die grünen Palmen und die anderen 'Blattpflanzen mit schweigendem feierlichem Kamst ab, dazwischen flackerten hohe Wachskerzen, mit Trauerschleifen umwunden. Ich konnte den Prediger nicht sehen, aber sein klangvoller, weicher modulationsreicher Tenor erscholl weithin vernehmbar, in gemessenen Zwischenräumen wie von einem erstickten Schluchzen durchbebt: .....eine Leuchte in Israel ist erloschen, gleich wie wenn die Sonne sich mitten am Tage verdüstert, ein Mann, der der ganzen Gemeinde als Muster voranleuchtete, dessen hohe und edle Eigenschaften auch von den hochstehenden Nichtglaubensgeuossen voll und ganz gewürdigt wurden, die ihn darum durch ihre Freundschaft und ihren, vertrauten Umgang auszeichneten .... Kr war eine Zierde seines Volkes und auf ihn passte das Wort des Propheten: lieber deiner Stirn leuchtet mein Licht .... und das Wort des Psalmisten" .... Ich ging, aber die Worte: „Tugend, Gerechtigkeit, Barmherzigkeit, Nächstenliebe" hallten mir in den Ohren und verfolgten mich, bis ich die Mauern des Friedhofs verliess.

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