Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1906)
- Article
- Platons Leichenbegräbnis
- Date
- 1906-02-01
- Page
- Seite 119 - 120 (sequence 5)
- Language
- German
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119 Binjainiu Segel: Platons Leichenbegängnis, 120 zu sichern, die i\s ihm ermöglichte, endlich in Ruhe;ui die Verwirklichung des langgehegten Traumes zu schreiten. Seiner inzwischen verwittweten und verarmten Tochter, die ihm allein von mehreren Kindern noch lebte, errichtete er einen kleinen Papierladen und nun konnte er unter ihrer kindlichen und zugleich mütterlich liehevollen Wartung seinen Studien leben. Als ich ihn kennen lernte, war die Arbeit an .seinem Werke schon ziemlich vorgeschritten. "Wie ich nun hinter seinem Sarge herschritt, an diesem trüben Herbstnachmittage, dachte ich mit tiefer Wehmut und mit Dankbarkeit an die genussvollen und lehrreichen Stunden, die ich in seiner (Gesellschaft verbrachte. Was musste er wohl empfunden haben, als es ihm klar wurde, dass er sein Lieblingswerk, an dem. seine Seele hing, dass der Traum seines ganzen Lebens gewesen, unvollendet liegen lassen musste. Und nun gaben ihm drei Menschen das letzte (Jeleite, und diese arme Frau, die dort von einem verhaltenen Schluchzen geschüttelt wurde, hattenicht mehr, wen zu bemuttern und zu beschützen und war des einzigen Lebensinhaltes beraubt. Wir waren mittlerweile vor den Pforten des Friedhofes angelangt. Wir fanden das .Haupttor geschlossen, und mussten warten. Wir halfen der Frau, die sich nur mit Mühe auf den Beinen hielt, aus dem Wagen. Da eilte der Pförtner herbei mit seinem prachtvollen Szepter, angethan in einen grossartigen, pelzverbrämten Mantel, den imin der File umgenommen haben musste, denn unten blickten seine schmutzigen Unterhosen hervor. Als er das arme Wägelchen mit dem ausgefransten Bahrtuch bemerkte, machte er Kehrt und erst nach einer geraumen Weile erschien ein Totengräber schleppenden (langes, mit lehmbeklebten Stiefeln, öffnete eine kleine Seitenpforte und liess uns ein. ..Marlis schnell, schnell, links ab", bedeutete er dem Kutscher. Wir kamen an der Friedhofshalle vorbei, deren Säulengang verhüllt war, und aus deren Innereiii ein Hämmern erklang. Fs wurden offenbar Vorbereitungen zum Finpfang einer ..vornehmen Leiche" getroffen. Wir hoben den Sarg aus dem Wagen und trugen ihn kreuz und quer durch Alleen von prunkenden, protzigen, geschmacklosen Denkmälern modernen Stils und altfränkischen mit dekorativen und feierlichen, halb verwitterten hebräischen Inschriften bedeckten Ural »steinen, bis wir nach der hinteren Reihe gelangten, wo verfallene Stein- und Holzgrabmale sich anejnander drängten. Fin schmales kleines («rab, fast ein Kindergrab, war schon ausgehöhlt. 'Wir senkten den Sarg hinab. Fin paar Totengräber machten sich daran, hurtig die aufgeworfenen Schollen hineinzuschaufeln, die mit dumpfem (»eräusrh auf die Bretter fielen. Bald erhob sich an der Stelle ein kleiner gelber Hügel. Fin (Jräber langte aus seiner schmutzigen Tasche eine abgegriffene, fettige Tafel hervor und fing an, das Kaddisehgebet zu brummen. Mein Freund unterbrach ihn und seine bewegte Stimme erscholl durch die ringsum herrschende Todesstille: ..Frhöht und geheiligt werde sein grosser Xame in der Welt, die er dermaleinst verjüngen wird, wenn er die 'Toten erweckt und sie einführt zum ewigen Leben. . ." Als er geendet hatte, wandten wir uns zum (»eben. Aber die Frau stand wie augewurzelt und wiederholte nur in einemfort: ..Zu wem soll ich nun heimkehren*:1 . . . Zu wem soll ich nun heimkehren? .... Zu wem soll ich nun heimkehren? . . ." Das war die einzige Leichenrede, die am (hübe unseres Plate gehalten wurde. Wir verliessen den Friedhof auf einem andern Wege. Im Hintergrunde schüttelten einige kahle Bäumchen die Zweige im .Herbstwinde, unter unseren Tritten knisterten gelbe, welke Blätter. Die beiden Männer unternahmen es, die Frau nach Hause zu bringen. Ich schlenderte einsam durch die breite, verlassene danowerstrasse nach der Stadt. Aus meinen trübseligen Cedanken weckte mich ein herannahender, vielstimmiger (iesang, der sich von der Ferne wie eine Kirchenmelodie anhörte. Ich blickte auf und sah eine Schar Knaben in schwarzen Kutten mit Käppchen auf den 'Häuptern, an deren Spitze ein kräftiger, stattlicher Mann im Ornat daherschritt. Bald darauf erblickte ich vier prächtige schwarze Rosse im Silbergeschirr und mit hohen Federbüschen auf den Köpfen, die einen prunkvollen Leichenwagen führten, durch dessen (Jlaswände ein silberstrotzendes .Bahrtuch über einem breiten grossen Sarg schimmerte. Es folgten viele mit Kränzen beladene Wagen, an die eine lange Reihe von Kranzträgern sich anschloss, die paarweise schritten, dann kam eine unabsehbare Schar von schwarzgekleideten, ernst und leierlich dreinblickenden Herjen und Damen, srhwarzverhüllte Fahnen flatterten in der Luft, von Männern aus dem 'Volke mit kräftigen Fäusten hochgehalten, Haufen von Neugierigen und (J altern jeglichen Alters und Standes, von wohlgekleideten Männern und Frauen und muntern, zerlumpten (Jassen jungen belebten die sonst so stille, breite Strasse, in der die vereinzelten (»aslaternen unter einer Trauerhiille von Crepe gedämpft und düster leuchteten. Ks folgte eine lange Schnur von geschlossenen Karossen, die sich im Schritt vorwärts bewegten. Offenbar die vornehme Leiche, die drüben auf dem Friedhof erwartet wurde. .letzt schwieg der Chor an der Spitze eine Weile still. Line Bauernfuhre, die daherkam, bog seitwärts ab, um Platz zu machen. Der Bauer riss sich mit einem raschen (Jriff die Mütze vom Kopfe, bekreuzte sich lebhaft und fing an, ein (Jebetlein zu murmeln. Das alles sah ja einem christlichen Leichengepränge so täuschend ähnlich, dass ihn ein heiliger Schauer überlaufen mochte . . . Wo waren aber die (J pistlichen und Ministranten in den weissen Messengewändern? Kr