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Ost und West · 1906-02-01 · Heft 2 (Februar 1906) · p. Seite 117 - 118

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 2 (Februar 1906)
Article
Platons Leichenbegräbnis
Date
1906-02-01
Page
Seite 117 - 118 (sequence 4)
Language
German
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117 Binjamin Segel: Piatons Leichenbegängnis. IIS der er übrigens nicht vereinzelt dastand, dass Pinto die höchste Blüte des »riechischen (Jeistes, Aristoteles dagegen dessen Dekadenz darstellte. Der '.Ideenlehre des ersteren niass er auch für das moderne und zukünftige (ieistesleben eine seinhohe Bedeutung bei. Die unbestrittene Oberherrschaft des Aristoteles bis in neue Zeit erachtete er als ein förmliches Unglück. Besonders lebhaft schmerzte es ihn, dass die jüdischen Denker des Mittelalters sich mit dein »Stagiriten so intim eingelassen hatten. Wenn er auf dieses Thema zu reden kam, belebten sich seine Züge und seine »Stimme zitterte vor Erregung. Er schien es .wie einen ihm persönlich widerfahrenen Schmerz zu empfinden, dass von den beiden Quellen hellenischen Uedankenlebens die aristotelische sich in breitem Streun durch das ganze .jüdische Schrifttum ergoss, während die platonische sich mühsam unter dem (Jeröll der mystischen Literatur ein Bett graben musste und verborgen unter den Blumen und dein Sand der Knbbala und des Clmssidismus bis auf den heutigen Tag dahinrieselte. Aber er griff noch weiter zurück, bis auf jene Zeit, da die Bibel ins (j! neckische übersetzt, Avnrde. Man uuisste ihn hören, welche Accente der biftern Wehmut und des herben (irolls in Reiner »Stimme erbebte]), sobald er erwähnte, wie unverzeihlich es war, dass nicht gleichzeitig mit der Uebersetzung der Heiligen »Schrift ins (Jriechische auch Plato ins Hebräische übertragen wurde. Als wäre diese Unterlassungssünde erst' gestern geschehen, erging er sich in schmerzlichen Betrachtungen, wie es gekommen wäre, wenn der hebräische ("«eist, noch voll urwüchsiger Kraft, in seiner Urheimat von dem frischen Hauch des Hellenentums unmittelbar befruchtet worden wäre, anstatt dass das jüdische Volk erst im zehnten .lahrhundert, entwurzelt und ermattet, aus fremder Hand die verwitterten »Schätze Griechenlands übernahm, aus denen die »Seele längst entflohen war. Er war überzeugt, dass im ersteren Kall die Weltgeschichte einen anderen Lauf genominen hätte. Dass daran nichts mehr zu ändern war, grämte ihn tief. Nun galt es, das Verlorene wenigstens zum Teil wieder zu retten, und dieser Aufgabe hatte er seine Lebensarbeit gewidmet. Kr arbeitete an einem grossen Werke, welches in zwei Teile zerfallen sollte; der erste sollte die Lehre Piatos in einer neuartigen Beleuchtung darstellen, der zweite sollte die Kntwickelung der platonischen (Jedanken im jüdischen »Schrifttum von den ältesten Zeiten bis auf die (Jegenwart verfolgen und seine tiefe Verwandschaft mit dem (Jenius der Propheten nachweisen. Kr hatte umfassende Vorarbeiten hierzu seit mehreren fahren betrieben, und jetzt ging er an die Niederschrift des Werkes. Ich machte zwei meiner älteren Kreunde mit ihm bekannt und wir nannten diesen sonderbaren, weltentrückten (Jriibler halb scherzend, halb ehrfurchtsvoll ..unsern Pinto". »Sonderbar war auch sein »Schicksal, obgleich es äusserlich ohne »Stürme und aufregende Zwischenfalle verlief. In einem galizischen Dorfe als »Sohn eines ziemlich bemittelten Schankwirtes geboren, war seine Kindheit und sein Knabenalter dem »Studium des Hebräischen und des Talmud nach althergebrachter Methode, unter Anleitung tüchtigei' Hauslehrer gewidmet. Als heranwachsender Jüngling kam er nach der benachbarten grösseren »Stadt, um sich im »Studium zu vervollkommnen. Hier lernte er die mittelalterliche philosophische und kabbalistische Literatur' kennen, hatte aber auch (Jelegenheit, sich mit dem modernen hebräischen »Schrifttum vertraut zu machen. »Sein Wissensdrang wurde angestachelt und er beschloss, sich den profanen »Sprachen und Wissenschaften zuzuwenden. Der biedere und schlichte Vater legte ihm nicht nur kein Hindernis in den Weg, sondern förderte ihn auch hierin nach Kräften. In jahrelanger, Heissiger Arbeit erwarb er sich eine gediegene Kenntnis der antiken und modernen Sprachen, der Mathematik, der Naturwissenschaften und der (Jeschichte. Langsam drang er auch in die alte und neuere 'Philosophie ein. »Seine Heirat unterbrach seine »Stadien keineswegs, denn im Hause seines wohlhabenden Schwiegervaters, in einer ruhigen und freundlichen Umgebung konnte er nur umso eifriger ..lernen". Kr war im wesentlichen Autodidakt. Aber sind nicht alle bedeutenden Menschen im (Jrunde Autodidakten? Nur was man an Kenntnissen sich allein erringt, darf man ehrlieh sein eigen nennen. Die grossen (Deister der Vergangenheit und der (Jegenwart erschliessen uns ihr Innerstes, schenken uns ihr Bestes nur im stillen einsamen Umgang mit ihnen. Ihn aber bewahrte überdies seine klare Vernunft und sein selbstloser AVahrheitsdrang vor Verworrenheit und Zersplitterung. Allmälig i*eiften seine philosophischen Ueberzeugungen und schon damals entstand bei ihm der Plan, ein "Werk über Piatons .Ideenlehre zu schreiben. Aber mittlerweile galt es für ihn, in der AVeit der AVirklichkeit für seine Kamilie den Unterhalt zu erwerben. Da es ihm fern lag, seine AVisscnschaft als »Spaten zu gebrauchen, mit dem man nach (Johl gräbt, so wandte er sich dem Handel zu. »Seine »Studien hatten ihn keineswegs zum weltfremden »Stubenhocker gemacht, sondern eher seinen Sinn noch geschürft und seine Kombinatiousgabe auf verschiedenen praktischen (Jebieten entwickelt. Kr hatte einige glückliche Ideen in Bezug auf den Kisenhandel und den (»etreideexport, doch musste er sich zu deren praktischen Durchführung mit anderen Kauf leinen verbinden, die in den Einzelheiten versiert waren. Diese »Söhne des Merlauschwindelten dem .Jünger Piatos mehrere Male nach einander weidlich sein (Jehl ab, verdrängten ihn aus dem Bunde, und wurden durch die alleinige Ausnutzung seiner Ideen enorm reich. »Schliesslich sah er sich gezwungen, in einem grossen Bank hause in Bukarest eine »Stelle als Korrespondent für englische und französische »Sprache anzunehmen. Hier wurde er von seinem "Brodherrn nach Kräften ausgebeutet, aber immerhin gelang es ihm, sich nach dreissigjähriger anstrengender Arbeit und Entbehrungen eine kleine Beute

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