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Ost und West · 1906-02-01 · Heft 2 (Februar 1906) · p. Seite 115 - 116

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 2 (Februar 1906)
Article
Platons Leichenbegräbnis
Date
1906-02-01
Page
Seite 115 - 116 (sequence 3)
Language
German
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115 Binjaniin Segel: Piatons Leichenbegängnis. 116 i»efi 1111 si l i i i i <>- kalt und 1111(1 01'- die ich belauscht;in ihnen am meisten imponierte. Schlünden. Ms war eines der ersten profanen hebräischen Bücher, die mir in die Hand kamen und eine neue AVeit vor mir erschlossen. Horaz. Ovid, Persius, Propertz, Tilmll und sogar Lukretius waren darin vertreten. Des letzteren CJedieht von der Natur der Dinge ■war in einem umfangreichen .Auszug" geg-eben, dein aber eine langr, eingehende "Widerlegung: des Uehersetzers, ebenfalls in poetischer Form, folgte und den ganzen Materialismus des römischen Kpiknräei'S zu nichte machte. Ich erinnerte mich genau, dass es mehr die Schönheit und [die Kraft jder (Sprache war. die mich bezauberte, als der poetische (J ehalt dieser römischen (Jedichte. trocken erschienen, nach (Ii greifenden l>oesien des jüngeren Lebensohl kurz zuvor gelesen, und an denen ich mich hatte. Was mir abe war, dass es eben lateinische (Jedichte in hebräischer Uebersetznn»- waren. Das Wort Latein umschloss damals für meine Begriffe eine ganze Welt voll der tiefsten (leheimnisse aller menschlichen und göttlichen Weisheit. Nur wer den Schlüssel zu diesem Zauberturm besass,.durfte hoffen, ein vollendeter Weiser zu werden. Darum verschlang ich mit hoisser (Her die komischen (Jedichte und lernte sie sogur auswendig. Sie waren auch Schuld daran, dass ich ernstlich Latein zu lernen anfing, um vermittelst dieses Schlüssels in besagten Zauheitnrni einzutlringvn und mir eine der grössten Knttüuschung'en meines Lebens zu holen. Aber wie ich nun das schmäh« Bündchen in der Hand hielt, überkam mich eine Rührung, wie wenn wir unvermutet das Antlitz eines Menschen wiedersehen, der auf unser Seelenleben in der Jugend einen nachhaltigen KinHuss geübt. ..Das habe ich vor etwa fünfundzwanzig Jahren geschrieben", sagte mittlerweile der Alte, mit einer Stimme, als galt es. sich zu entschuldigen. Kino neue Veberraschung-. Der war es also! Ich fühlte in mir etwas wie einen Widerschein jener Ehrfurcht sich regen, die ich damals für den grossen l'nbekannten empfand, welcher die lateinischen Dichter so gut kannte, und sie in solche herrliche hebräische Verse zu giessen verstand. ..Ich gedachte .darauf eine Sammlung" griechischer (Jedichte. folgen zu lassen, ahmich hin nicht dazu gekommen", fügte er hinzu. Eine Klasse der Knabenschule der „Alliance Israelite Universelle1' in Hamadan. (Aufgenommen von Hermann liurcliardt.) Ich konnte mich nicht enthalten, ihm nachträglich für den grossen (Jenuss, den mir seine l'ebersetzung' bereitet hatte, in warmen Worten zu danken. Nun war das Kis gebrochen; es entspann sich ein lebhaftes (Jesprärli und wir wurden gute Freunde. Ich besuchte ihn nachher seinhäutig- und bewunderte immer mehr sein grosses und exaktes Wissen, welches sich auf die (Jeisteswie auf die Naturwissenschaften erstreckte, noch mehr aber seine 'Persönlichkeit, die ausserordentlich reich, vielseitig und tief war. Ich lernte in ihm einen jener merkwürdigen Sonderlinge kennen, wie sie in dieser Ausgeprägtheit und Ligvnart nur in Zeiten und Ländern gedeihen, wo entgegengesetzte Kulturen und heterogene Strömungen sich kreuzen, zwei Boding'ungvn. die für die .luden des Ostens zutreffen. Das erste Mal im Leben trat nur in seiner Person die Verkörperungder Philosophie nicht nur als begriffliches Lehrsystem, sondern als Lebensanschauuiig. ja mehr noch, als Lebensinhalt und Lebensaufgabe entgegen. Dieser einsame, stille Denker, der der Philosophie auf ihren vorse hin ngensten Pfaden, bis zu deren äussersten Ausläufern gefolgt war. hatte sich schliesslich zu Pinto bekehrt, ihn als den Höchsten anerkannt, und es sich zur Lebensaufgabe gemacht, seine Lehre zu erneuern und zu verkünden. Mine Weile hatte ich ihn für einen sonderbaren Dilettanten gehalten, dessen Schrulle es war, auf die alten Tage griechische Philosophen zu buchstabieren. Bald aber musste ich mich dieses Verdachtes schämen. .Ich gewahrte allmälig', dass er in der gricliisohou Literatur zu Hause war wie ein Spezialist ersten Banges. Kr kannte die neuesten Arbeiten über die einsclilägigvii Kinzel fragen, und stand mit den bedeutensten Porschern in regem .'Briefwechsel. Seine Studien haften ihn zu der Ansicht geführt, mit

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