Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 2 (Februar 1906)
- Article
- Partei und Weltanschauung
- Date
- 1906-02-01
- Page
- Seite 95 - 96 (sequence 3)
- Language
- German
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95 Fabius Schach: Partei und Weltanschauung'. 06 REGINA MUNDLAK. ORIGINALZEICHNUNG. Alter Jude. (■/.. Z. im Salon Cassirer ausgestellt.) Zerstörung des Ki'anl<en und Morschen, die Wegrii nmung des Siechen, verrichtet. Unsere Philisterweisen schrecken vor der zerstörenden Kraft des jüdischen 'Individualismus zurück. Aber die Individualität wirkt nur da zersetzend, wo sie auf etwas Schwaches, Ungesundes stosst. Auf starke Naturen und unter gesunden Verhältnissen hat sie stets anziehend und befruchtend gewirkt. Das .Judentum kennt in seiner Geschichte nur Sekten, also Kämpfe um Weltanschauungen, und keine Parteien. Das ist gewiss kein Zufall, sondern ein echtes Synipton seiner inneren Natur. Und in dei* jüngsten Zeit sehen wir die .Juden überall da, wo sie die "Weltanschauung verlassen und den fremden Parteirummel mitmachen, immer mehr verflachen und erschlaffen. Das ganze kulturelle Unglück der .Juden Wösten j'opas resultiert eigentlich nur daraus, dass sie sich von der Weltanschauung, die ihrer inneren Natur entspricht, entfernt haben und so den Boden unter ihren Küssen immer mehr verlieren. Sie hängen in der Luft und flattern von Partei zn Partei, von Richtung zu Richtung, nirgends Past und nirgends innere Itefriedigung "findend. Kino starke nationale Weltaiiscluuiniiii' tut den .luden überall not. "Das ist vielleicht die einzige Form der .Judennot, die überall gleiehmässig herrscht. Dem .Juden fehlt der innere Halt, der (Haube an sich selbst, an seine Kraft und seine Zukunft. 'Diese innere Haltlosigkeit ist fast noch tragischer als die äussere Heimatlosigkeit der .Juden des Ostens. Eine Besserung kann nur durch die Frstarkung des jüdischen Bewusstseins eintreten, d. h. durch die Ausbildung der jüdischen nationalen Weltanschauung. Denn ein jüdisches Pewusstsein ohne nationales Empfinden ist für den modernen Juden eine widerliche Heuchelei. Diese nationale Weltanschauung, die Pflege der jüdischen Individualität, die Frneuerung der jüdischen Kultur, die Düngung des Hodens für eine jüdische Kunst, — ist die höchste und dringendste Aufgabe der (Gegenwart. "Dieses neue jüdische Leben aber kann nur in Freiheit, ohne jede Schablone und ohne jede Gebundenheit, gedeihen. Hier ist ein .Hoden, wo alle, die sich als .Juden fühlen, alle, die ihr .'Judentum weder als Zufall, noch als Unglück betrachten, zusammenwirken können. Kino politische Partei aber aus dem Judentum machen zu wollen, ist töricht und gefahrlich zugleich. Töricht, weil man dadurch seine Kraftnatnr zur Karrikatuimacht; gefährlich, weil man ihm dadurch das Hoste, die Individualität, nimmt. Aus tausenderlei Interessen und Differenzen aller Art eine einheitliche 'Partei zu schmieden, das kann nur ein äusseres Werk sein, ohne innere Kraft, ohne Lebensdauer. Es hiesse, das Sein schwächen und den Schein verherrlichen, wenn man an Stelle des befreienden Yolksgedankens die beengende .Parteischablone setzen wollte. Einen grossen (i eist in ein enges Parteigefüge zwängen zu wollen, ist Unnatur. Die Partei in ihrer .konsequenten Fntwickelung kann nur auf den Trümmern der Welt- REGINA MUNDLAK. ORIGINALZEICHNUNG. Melamed. {■/.. Z. im Salon Cassirer ausgestellt.)