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Ost und West · 1906-02-01 · Heft 2 (Februar 1906) · p. Seite 93 - 94

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 2 (Februar 1906)
Article
Partei und Weltanschauung
Date
1906-02-01
Page
Seite 93 - 94 (sequence 2)
Language
German
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03 Fabius Schach: Partei und Weltanschauung. 04 REGINA MUNDLAK. ORIGINALZEICHNUNG. Talmud-Lernen. (z. Z. im Salon Cassirer ausgestellt.) •rar nicht denkbar. Sie nmss den Menschen zu einer Schraube des Mechanismus, zu einem willenlos gehorcheiulen Wesen machen, we'ü darin ihre ZNEaclit und ihre Grösse ruht. »Sie muss das subjektive .Empfinden verdrängen, sie muss die Individualität töten, weil sie über Alle verfügen muss, weil .jeder für sie nur Soldat ist und sonst nichts mein-. Die Weltanschauung aber ist und bleibt individuell und sie kann sich ohne die weitgehendste Freiheit gar nicht entfalten, weil sie die innere Verschmelzung des Menschen mit seinem Ideal anstrebt. Dabeiist jedes Parteiwesen für den individuell beanlagten Menschen ein Greuel. Die Partei ist, wie jede Kriegsorganisation, ohne Glanz, ohne Lüge und Heuchelei, ohne List und Intrigie nicht möglich. Die Weltanschauung verlangt Wahrheit gegen sich und andere, Schlichtheit und Geradheit, ewiges Suchen, ewiges Streben. Wenn irgend ein Zug für unsere Zeit charakteristisch ist, so ist es der Individualismus, und daher verblasst im modernen Leben immer mehr das Interesse am politischen Parteiwesen. Innere Freude haben nur wenige daran. Das Volk tiberlässt meistens die Politik den berufenen oder berufsmässigen Politikern, und diese sind mehr oder minder tüchtige Handwerker, die ihr Metier mit Kälte und Ueberlegung treiben. Die Politik ist ihnen (bewerbe und nicht innerer Beruf. Die moderne Entwicklung zeigt uns das ganze Parteigefüge als überlebte Form. In den 'Parlamenten der Zukunft werden sich die Menschen nach den verschiedenen Lebensinteressen gruppieren und in idealen grossen Fragen ihre eigene individuelle Weltanschauung, unabhängig von jedem Programm, bekunden. Lebensinteressen sind etwas Brutales, aber doch "Wahres, Echtes; die Grundsätze der ..Parteiprogramme aber sind meistens systematisierte Lügen, hohle Phrasen, an die im (Irunde ernstlich niemand glaubt. Eigentlich sind wir heute fast schon so weit, nur wollen wir es nicht eingestehen. Das Wesen der Parteien hat sich längst geändert, die alten Kamen aber sind geblieben. Man sehe sich das Parteienbild im deutschen Reichstag an. Ks sind fast nur Interessengruppen darin. Wir besitzen eine Arbeiterpartei, eine Agrariernrtei, eine Partei der G rossindustriellen und Grossbanken, eine Partei der Kleingewerbler n. s. w. Freilich, aus Pietät lügt jede Partei vor, keiner Klasse und keinem Stande zu dienen, sondern die idealen Interessen des ganzen 'Volkes zu vertreten. Aber bald wird diese papierene Fassade vor dem Sturm der Lebenswahrheit weichen müssen und wir werden endlich begreifen lernen, dass der neue Geist auch neue Formen fordert. Fragt man sich, was der Natur der .jüdischen 'Volksseele mehr entspricht, die Weltanschauung oder die Partei, so geben uns die Psychologie, die Geschichte und das Leben eine klare Antwort darauf. Der .lüde ist impulsiv, voller Temperament und dabei träumerisch und grüblerisch, seine ganze Anlage sucht die Tiefe des Lebens. .Teile Schablone und jedes leere System ist dein jüdischen Wesen fremd. Der .lüde ist individuell, er will sein Leben leben, darin liegt seine Grösse und seine Kraft. Nur wem jeder tiefere psychologische Blick fehlt, kann den jüdischen Individualismus für ein Unglück betrachten. Der jüdische Individualismus war es fast überall, der uns vor der Gefahr der Nivellierung und Versumpfung bewahrt hat. In jeder Kichtung der Neuzeit, wo die menschliche Individualität zur Herrschaft gelangte, spielten die .luden eine grosse Holle. Sie haben stets den wichtigsten Dienst der Kultur, die REGINA MUNDLAK. ORIGINALZEICHNUNG. Betender Jude. (z. Z. im Salon Cassirer ausgestellt.)

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