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Ost und West · 1906-02-01 · Heft 2 (Februar 1906) · p. Seite 91 - 92

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 2 (Februar 1906)
Article
Partei und Weltanschauung
Date
1906-02-01
Page
Seite 91 - 92 (sequence 1)
Language
German
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91 Fabius Schach: Partei und Weltanschauung. 92 PARTEI UND WELT ANSCHAUUNO. Von Fabius S .Jede grosse Idee verliert bei ihrer Umsetzung in die Wirklichkeit viel, von ihrem (Mauze, ihrer Hoheit und Schönheit. Das mag zu den tragischen Momenten gehören, an denen gerade die Höhen und '.riefen des Lebens so reich sind. Begreiflich aber ist dieser Abstand, und er beweist im Grunde weder gegen die Idee noch gegen das wirkliehe Leben etwas. Denn die Idee an sich ist frei und ungehemmt, während die Verwirklichung mit den Hindernissen und Grenzen, die durch die Natur und die Umstände gegeben sind, rechnen muss. Wie unser persönliches Glück, mag es noch so gross sein, unsere Sehnsucht, unser erträumtes Bild, nie erreicht, so kann eine jede Wirklichkeit nie das Ideal, das ihr vorschwebte, erreichen. Vielleicht ist es auch gut so, damit unser Streben nach .Fortsehritt nicht erschlafft, damit unser Kämpfen und Bingen nach Hoheit und Schönheit nie erlahmt. Alle unsere ideale sind, mit der Nüchternheit des Lebens gemessen, zu hoch geschraubt, — wie unsere Träume stets zu hoch gespannt sind. Und wie im subjektiven Leben in dem Baume zwischen Traum und 'Wirklichkeit unsere ganze Poesie lebt, so ruht auch im sozialen und geistigen Leben zwischen dem ideal, und seiner Verwirklichung unser ganzes Streben, unser ganzes .Kämpfen und Wirken. Und wie die Poesie Selbstzweck ist, so ist auch unser Streben und Kämpfen an sich das Höchste im Leben. Erreichen wir nur einen kleinen Teil des Erstrebten, was tut es, — die wahre Norm ist und bleibt das 'Wollen und nicht das Können. Nachdruck verboten, ine Idee bei ihrer Uebersetzung ins REGINA MUNDLAK. ORIGINALZEICHNUNG. Betender Jude. (z. Z. im Salon Cassirer ausgestellt.) c h a c h , Karlsruhe, Wenn aber 'Wirkliche einen ganz fremden Sinn gibt, oder zur Kai-rikatur des Gedankens wird, dann ist entweder die Idee an sich ungesund, oder die gewählte Form ist verkehrt. Denn die Form darf nicht etwas Fremdes, 'willkürlich Gewähltes sein, sondern sie innss organisch zum Inhalt gehören. Dieser klaffende Gegensatz aber scheint mir zwischen Weltanschauug und Partei zu herrschen. Jede '.Partei hat ursprünglich eine "Weltanschauung gehabt, aber in dem Moment, wo die Partei anfing, wich die Weltanschauung, — g'anz wie bei dem Beginne der Ehe oft die Liebe bereits aufgehört hat. de weiter sich die Partei entwickelt, desto mehr gerät die Weltanschauung in Vergessenheit. Das ist. wohl kein Zufall, vielmehr beruht diese Erscheinung auf inneren Gegensätzen, und man wird wohl ein Gesetz konstruieren dürfen, dass die Form des politischen Part ei wesens mit jeder grossen Weltanschauung unverträglich ist. Tatsächlich bietet heute jede politische Partei das Bild einer Hülle, der der Geist längst entwichen ist. Fs scheint, als venu gewisse Elemente im Geistesleben wie in der Chemie keine gute Verbindung eingehen können und bei ihrer Berührung miteinander entweder eine Explosion oder eine längsame Zersetzung hervorrufen. Wir haben dieselbe Erscheinung auch im religiösen Leben, wo jede verfehlte Kirchenorganisation die Religion an sich schwächt und anstelle der Seelenerhebung eine leere Zeremonie setzt, Versucht, man Partei und Weltanschauung in ihrem eigentlichen Wesen zu. ei fassen, so ergeben sich die inneren Gegensätze von selbst. Die Weltanschauung ist die Erfassung aller äusseren nud inneren Erscheinungen als Einheit und die Frkenntnis der Stellung des eigenen Wesens innerhalb dieses grossen Ganzen. Die Partei ist die Gruppierung einer Anzahl von Menschen unter einer Schablone zu irgend einem Zwecke. Während also die Weltanschauung den ganzen Menschen beherrscht, nimmt die Partei nur einen Teil der Kraft für sich. Während die Weltanschauung ein Teil des Ichs ist und Haum lässt für alles Subjektive, ist die Partie eine strenge Uniformierung. Die "Weltanschauung' ist die Verinnerlichung des Lebens, die Partei bleibt am Aeusseren haften. Die 'Weltanschauung strebt nach der Tiefe, die Partei nach der Breite. Die Weltanschauung sucht die Harmonie, die Partei die Macht. Die Weltanschauung* ist frei, entwicklungsfähig und erneuert sich mit jedem Moment, wie das Leben selbst, dem sie entsprungen ist, die Partei ist starr, kalt und tot, wie alles Anorganische. Die Partei ist im Grunde nichts anderes, als die Uebertragnng des Militarismus auf das politische Leben. Sie ist eine militärische Organisation zum Zwecke des politischen Kampfes, zum Zwecke der Macht, Die Partei ist ohne Disziplin, d. h. ohne blinde Unterordnung unter die Autorität

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