Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1906)
- Article
- Der Litauer und der Zaddik
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 53 - 54 (sequence 2)
- Language
- German
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53 Josef Bader: Ob nicht noch höher 54 unter dem Bette verschwand, denn das Licht im Nebenzimmer war verlöscht, und der Litauer, befand sich mit dem Rabbi allein-im Hause. Da befiel ihn, wie er später erzählte, eine schreckliche Angst, seine Zähne klapperten, er zitterte an allen Gliedern — es war doch keine Kleinigkeit, während der Selichoth mit dem Zaddik allein zu sein — und doch.verhie.lt er sich ruhig ... Nun erhob sich auch der Ziddik von seinem Lager; er stand auf, wusch die Hände, trat an den Kleiderschrank ucd holte ein Kleiderbündel hervor. Er öffnete es; es waren Bauernkleider, kurze, breite, weisse Leinenhosen, grosse geteerle Stiefel, ein dicker, haariger Mantel, eice hohe Pelzmütze und mit Kupfernägeln besetzer Gürtel. Diese Kleider zog der Zaddik an und war so in einen Bauer verwandelt. Die Pelzmütze tief in die Augen gedrückt, fest in den Mantel eingehüllt, aus dessen Tasche das Ende eines dicken Strickes hervorlugte, hätte niemand in ihm den Rabbi vermutet.- Der Litauer traute seinen Augen nicht, er glaubte eingeschlafen zu sein und zu träumen ... Es war aber dennoch kein Traum . . . Jetzt verliess der Rabbi sein Schlafgemach; da kroch auch der Litauer behutsam aus seinem Versteck und folgte ihm wie ein Schatten. Der Rabbi aber ging von Zimmer zu Zimmer bis in die Küche; hier bückte er sich und holte hinter einer Kiste ein schweres Holzhauerbeil hervor, steckte es in den Gürtel und verliess das Haus, gefolgt von dem Litauer. Schon längst war diesem der niederträchtige Gedanke gekommen, der Rabbi spiele bei Tag die Rolle eines Zaddik, um hei Nacht desto ungestörter dem Räubergewerbe nachzugehen. Und heimlich wie ein Räuber ging der Rabbi auf Opfer der Judenverfolgungen in Russland. Hingeschlachtete jüdische Kinder. Opfer der Judenverfolgungen in Russland. 16j ihriger jüdischer Jüngling, Mitglied der Selbstwehr, gefallen im Kampfe mit den Hooligans und den Kosaken.) Seitenwegen weiter und immer weiter ... In den Gassen fühlt man bereits den Ehrfurchtsbauch der Jomim Noroim; oft hört man aus irgend einem der Häuser das Seufzen eines Kranken oder einen Refrain der Selichoth . . . Immer weiter aber ging der Rabbi, gefolgt von dem Litauer, der das Pochen seines Herzens höit wie die Tritte des Zaddik . . . Endlich hatte der Rabbi die Stadt verlassen und trat in den nahen Wald. Nach kaum dreissig oder vierzig Schritten machte er bei einer jungen Eiche Halt, hohe das Beil aus dem Gürte', schwang es und hieb so lange auf den jungen Baum ein, bis der krachend niederfiel. Der Litauer aber stand von weitem und sab, wie der Zaddik den Baum spaltete und kurze Scheite machte, wie er dann den dicken Strick aus der Tasche des Mantels zog, das Holz zusammenband, das Beil wieder einsteckte, wie er endlich das Holzbündel aufhob und sich auf die Schultern lud. Dann trat er aus dem Walde und kehrte in die Stadt zurück. Tiefgebückt unter seiner Last ging der Rabbi, und wieder folgte ihm sein Schalten — der Litauer. „Halte der Alte wohl den Verstand verloren?! Nur langsam verfolgte der Rabbi seinen Weg; endlich bog er in ein Seitengässchen, wo er vor einem eingefallenen Häuschen stehen blieb. Hier trat er an eines der kleinen Fenster und klopfte leise an die Scheiben. Und der Litauer hörte, wie