Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1906)
- Article
- Der Litauer und der Zaddik
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 55 - 56 (sequence 3)
- Language
- German
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55 Josef Bader: Ob nicht noch, höher 56 drinnen im Hause die Stimme eines kranken Weibes fragte, wer klopfe, worauf der Zaddik mit verstellter Stimme in der Sprache des Bauemvolkes antwortete: Ja! (ich)". „Wer ja?" fragte das Weib. „Ja wasyl" (ich Wasil), antwortete der Zaddik. „Wasyl, welcher Wasyl? und was willst Du, Wasyl?" fragte das Weib wieder. Und der Zaddik erzählte ihr, er habe ein Bündel Holz zu verkaufen, welches er ihr billig überlassen wolle. Und ohne eine Antwort abzuwarten, öffnete er die Tür und trat ins Haus. Heimlich folgte ihm der Litauer. Beim Scheine des Mondes sah er ein kleines, niedriges Stübchen mit wenigem alten, zerbrochenen Hausrate und in einem Winkel ein Bett, auf welchem ein krankes Weib lag, bedeckt mit alten Lumpen. „Wofür soll ich denn kaufen? Ich arme Witwe habe ja kein Geld!" Der Zaddik aber sagte, er werde ihr das Holz auf Borg geben; im ganzen verlange er ja nur sechs Kopeken. Doch die Frau antwortete, sie könne es nicht auf Borg nehmen, da sie gar keine Hoffnung habe, Geld zu bekommen, um die Schuld zu bezahlen. „Woher soll ich Hilfe haben?!" seufzte sie. Der Zaddik aber, der schon längst das Bündel niedergelegt hatte, sagte zürnend: O närrische Jüdin! Du bist ein kleines, krankes Weib, dessen Tage ja gezählt sind, und doch traue ich Dir und will Dir borgen! Du aber hast einen grossen, allmächtigen, erbarmungsvollen und ewigen Gott und vertraust ihm nicht, dass Er Dir sechs Kopeken schaffen kann. „Wer aber soll mir einheizen?" seufzte das Weib wieder. Da sagte der Zaddik. er wolle es tun. Gesagt, getan .... Und während er das Holz in den Ofen legt, singt er leise den ersten Abschnitt des für diesen Tag bestimmten Selichoth .... Beim Anfachen des Feuers sagt er den zweiten Abschnitt . . . den dritten rezitiert er, wie er den Ofen schliesst..... * * * Von diesem Morgen an ward der Litauer ein anderer. Er liebte den Zaddik, glaubte an ihn, und zweimal im Jahre kam er, ihn zu besuchen. Erzählte aber jemand, dass der Zaddik in den Selichothtagen in den Himmel hinaufsteige, lachte er nicht mehr, sondern meinte: „Wer weiss, ob nicht noch höher!" ftannah Ton 0 „Sieb, die Sonne steht in Scheitelhöhe, Und mich dünkt, die Brunnen rauschen voller, Reif im dunklen Blattwerk hängt der Hpfel, Und die grünen ürauben werden süss. Roher Sommer geht im gelben Kleide, D'ran die roten Vogelbeeren nicken, Segenspendend durch die goldne Welt. Rebe einmal von den schweren Büchern ]Sur die Bugen, Rabbi Ben Hbija. Sieb, du machtest mich zu deinem Weibe, Die ein Rind noch fast an fahren ist, Und so furchtsam wie ein banges Kind 6ebe ich durch deines fjauses Leere. Cräume ängsten mich, die schwer und dunkel, Schatten fallen über meinen Weg. Doch nicht Schatten und nicht Cräume fürebt' ich, Wenn nur du einmal die Bücher liessest Und mit mir durch all das Reifen gingst." „Sommer, Kind, war's schon in jedem jfabre Und wird's auch in jedem wieder werden. rete blasse. Facbdruclt verboten. Reifen, Kind, war schon in jedem Jubre, Und in jedem kommt das grosse Velken. Schatten, Kind, die deine Wege dunkeln, Sind die Schatten nur, die jeden schrecken, Starker Schatten bat auch vieles Licht. Wahre deiner "Jugend süsse ■frobbeit, Dass ich, wenn ich einmal müde bin, JVIeine trüben Hugen d'ran erfreue. 6ines aber kann nicht früh genug eines Schriftgelehrten Weib sieb merken, JNiemals darf es störend zu ihm treten, Wenn er über seinen Büchern sinnt. Schützend stehe es an seiner Schwelle Und verhüte, dass der Lärm des Hlltags Laut hinein in seine Hrbeit dringt." Und wie viele, viele Male schon Senkt sie sanft und traurig ihre Hugen Und verlässt des Gatten ernst» Oemacb. Tor dem Laut der eignen Schritte schreckt sie Bang zusammen auf dem grossen f lur.