Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1906)
- Article
- Der Litauer und der Zaddik
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 51 - 52 (sequence 1)
- Language
- German
- Belongs to
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51 52 DER LITAUER UND DER ZADDIK. Von J. (Ä t L.'Perez. Aas dem Hebräischen übertragen von Josef Bader. Nachdruckverboten. An einem jeden Jerusalem, nach Nemirow gekommen war. Wie jeder Selichoth- Morgen blieb der Rabbi aus Nemirow verborgen. Seine Hausleute waren früh aufgestanden und zu den Selichoth gegangen; sie hatten die Haustür offen gelassen; wahrscheinlich war auch der Rabbi fortgegangen, obwohl ihn niemand weder im Beth- Hamidrasch, noch in der Synagoge oder bei irgend einem Minjan gesehen hatte. Dass die Haustür offen geblieben, hatte ja nichts auf sich, denn in das Haus des Zaddik werden sich keine Diebe wagen; ein blosses Berühren der Türklinke würde ja das Verdorren der Hand nach sich ziehen. Wo aber weilte der Rabbi?! . . . Jeder stellt diese Frage, doch jeder gibt sich auch dieselbe Antwort: Rosch-haschanah und Jom-Kippur nahen .. Die Bedürfnisse Israels sind ja so gross . . . braucht es doch Parnosse, Frieden,Gesundheit, Gottesfurcht . . . Nah und näher rückt der Jom-haddin heran . . . Der Satan aber geht im Lande umher, verführt und verfolgt und klagt selber an . . . Wer könnte nun am Tage der Not bestehen, wenn sich nicht der Heilige aus Nemirow seines Volkes annehmen würde?! An jedem Selichoth-Morgen begibt er sich deshalb in den Himmel, wirft sich vor dem Throne des Allgütigen nieder und erfleht Erbarmen für das jüdische Volk . . . Einer nur wollte daran nicht glauben. Es war dies ein Misnaged, der aus Wilna, dem litauischen Opfer der Judenverfolgungen in Russland. Ermordeter jüdischer Jüngling. Litauer glaubte er nur das, was seine Augen sehen konnten, und deshalb lachte er auch, als er von dem täglichen Verschwinden des Rabbi und von der Auslegung, die man demselben gab, hörte. Er berief sich dabei auf den Talmud, wo ja deutlich gesagt ist, dass selbst Mosche Rabbenu olow hascholem nicht bis in jene Lichthöhen, hinauf gekommen war, sondern zehn Handbreiten tiefer hatte bleiben müssen, und nun erst der Zaddik aus Nemirow . . . Wo aber denn konnte der Rabbi während der Selichoth weilen? fragte auch der Litauer, und da er noch vieles andere gegen den Rabbi hatte, beschloss er, der Sache auf den Grund zu gehen. Noch an demselben Abend zwischen Minchah und Maariw schlich der Litauer heimlich in das Schlafgemach des Zaddik und versteckte sich unter dessen Bette ... Er fürchtete nicht vom Schlaf überwältigt zu werden, er war ja ein Litauer; so wählte er sich irgend eine Masechta und wiederholte sie aus dem Gedächtnisse . . . Die ganze Nacht lag er so da und lernte leise. Es war um ein Uhr in der Nacht, da begann der Zaddik sich auf seinem Lager herumzuwälzen, zu seufzen und zu stöhnen, zu stöhnen und zu seufzen. Und das Seufzen des Nemirower Zaddik war so voller Trübsal und Kummer, dass man darin den Erguss seiner ganzen Seele fühlte und die Hörenden in Weinen gerieten . . . Der Litauer aber unterbrach nicht im geringsten sein leises Lernen. Und so lagen sie beide: der Rabbi auf dem Bette, der Lutwak unter demselben. Endlich wurde zu Selichoth geweckt. Da hörte der Litauer, wie es in den nahen Gemächern lebendig wurde, wie die Hausleute ihr Lager verliessen, Licht machten, die Hände wuschen, sich ankleideten und endlich fortgingen, ohne die Haustür zu schliessen . . , Dann wurde es wieder still, der helle Lichtstrahl Opfer der Judenverfolgungen in Russland. Im Kampfe mit den Hooligans und den Kosaken gefallenes hervorragendes Mitglied der jüdischen-' „Selbstwehr" und des "Bundes".