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Ost und West · 1906-01-01 · Heft 1 (Januar 1906) · p. Seite 47 - 48

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 1 (Januar 1906)
Article
Heinrich Redlich
Date
1906-01-01
Page
Seite 47 - 48 (sequence 4)
Language
German
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47 Lina Morgenstern: Heinrich Redlich. 48 berg bestritten. In der Akademie erregle sein Talent und sein Fleiss die Aufmerksamkeit der Lehrer. Schon nach zwei Jahren vermochte er eine Preisaufgabe zu lösen, wofür er als Belohnung eine Studienreise nach Dresden machen durfte. Von dort kehrte er nach Warschau zurück und arbeitete weiter auf der Akademie. Besonders fesselten ihn geschichtliche Bilder aus Polens Vergangenheit. Er bildete sich nicht nur als Zeichner und Maler, sondern auch als Kupferstecher aus. Durch sein bescheidenes, liebenswürdiges Wesen fand er überall Freunde und wurde ein gern gesehener Gast in angesehenen Familien. Fürst Galizin blieb sein Beschützer, und nach Vollendung aller Kurse in der Akademie erhielt Heinrich Redlich als Auszeichnung Stipendien zu Kunstreisen. Er unternahm diese nach Italien, Wien und München. Wo er auch weilte, lernte er und schuf neue Bilder. Seine Dankbarkeit gegen meine Kitern zeigte sich in einem regen Briefwechsel, und wo er Gelegenheit hatte, seine Gemälde in Kupfer zu stechen, schickte er uns solche avant la lettre, so dass sie noch jetzt in unserer Familie blieben. Im Jahre 1873 besuchte uns Heinrich Redlich in Breslau, ehe er nach Warschau zurückkehrte, wohin ihn die Sehnsucht nach einem Fräulein Tugendhold zog, die er liebte und der er in den Jahren der Trennung treu geblieben war. Da er sich als Künstler immer grösserer Anerkennungen erfreute, willigten die Eltern in die Verlobung mit ihrer Tochter, es war gerade zu einer Zeit, wo er infolge eingesandter Arbeit an die Akademie der Künste zu Petersburg zu deren Mitglied ernannt wurde. Als im selben Jahre die Hochzeit Heinrichs mit Fräulein Tugendhold stattfand, drängte es ihn, meinen Eltern seine junge Frau zuzuführen, wohl wissend, welchen freudigen Anteil sie an seinem Glücke nahmen. Ach, es war das letzte xVlal, dass mein Vater und meine Mutter Heinrich wiedersahen, da der Tod uns im Winter 1874 die beste Mutter, 1875 den sie nur kurze Zeit überlebenden Vater entriss. Indessen halten die Eltern der Frau dem jungen Paar in Warschau ein trautes Heim eingerichtet, in dem sie eine glückliche Ehe führten, die im Laufe der nächsten Jahre mit vier Kindern, zwei Mädchen und zwei Knaben, gesegnet ward. Heinrich schuf überaus fleissig und erfolgreich Bilder. Besonders erregten die Gemälde aus der polnischen Geschichte Aufsehen, die von Graf Mateko gemalt, von Redlich in Kupfer gestochen wurden, von denen heut Ost und West zwei Abbildungen bringt. Im Jahre 1889 war die erste Weltausstellung in Paris; als Künstler aller Länder aufgefordert wurden, doch im Palais des Arts ihre Werke auszustellen, da wrollte auch Heinrich Redlich die Gelegenheit nicht versäumen, die sich darbot, AVeltruf zu erwerben. Polnische Kunstfreunde in Paris nahmen seine Bilder für die- Ausstellung in Empfang, um ihnen besten Platz zu verschaffen. Sie bestürmten Heinrich, selbst nach Paris zu kommen, da seiner viele Bestellungen harrten, die er nur in Paris ausführen könnte. Nachdem die Jury den Werken Redlichs die grosse goldene Medaille zuerkannt hatte, fühlte er sich auf der Höhe des Glücks und entschloss sich, während der Ausstellung in Paris Aufenthalt zu nehmen. Allein der Gedanke, sich von Weib und Kindern zu trennen, war ihm unerträglich, und beschloss er diese mitzunehmen. Welch eine weise Einrichtung, dass die Zukunft unserem Blick verhüllt ist! Er ahnte nicht, welche tragische Wendung sein Schicksal dort nehmen sollte, wo er die höchste S'.ufe des Ruhmes erreichte. Seine Freunde hatten ihm und seiner Familie ein bescheidenes, möbliertes Logis mit Atelier besorgt. Begeistert wurde er von seinen Verehrern empfangen, die ihn die ersten Tage mit seiner Frau und den ältesten beiden Kindern in der Weltausstellung umherführten, sowie zu Kunsthändlern und Kunstliebhabern. Er erhielt jedoch so viele Bestellungen, dass er von früh bis spät arbeiten musste, um diese auszuführen. Dabei regten ihn die lebhaften Kinder ungemein auf, so dass seine Nerven sich sehr angegriffen fühlten. Er machte seiner Frau den Vorschlag, mit den Kindern abzureisen, da er sonst nicht arbeiten könne. Frau Redlich sah ein, dass es notwendig sei, ihm Ruhe bei der Arbeit zu verschaffen. „Aber nach Warschau kehre ich nicht mit den Kindern zurück! Du wünschtest stets, dass wir nach Berlin übersiedeln, damit wir den Kindern eine deutsche Erziehung zu geben vermögen. So will ich mit ihnen nach Berlin, Dich dort erwarten, wo wir ja Freunde haben, die mir helfen werden, eine billige Wohnung zu mieten und unsere Kinder zum Herbst in die richtigen Schulen zu schicken." Heinrich war mit diesem Vorschlag sehr einverstanden und versprach, unausgesetzt zu arbeiten, um so schnell als möglich seiner Familie nachzufolgen. Frau Redlich hatte von Heinrich meine Adresse in Berlin erfahren, sie folgte nun seinem Rat, mich bald aufzusuchen. Ich stand ihr bei, so viel ich vermochte. Vor allem galt es, ihr und den Kindern eine möblierte Wohnung zu verschaffen, was auch gelang. Sie schrieb an ihre Verwandten nach Warschau, was sie veranlasst habe, in Berlin zu bleiben. Mit Heinrich stand sie in lebhaftem Briefwechsel, doch kaum war ein Monat vergangen, da kam sie höchst aufgeregt zu mir, brachte mir die let/.ten Briefe ihres Mannes — aus denen sie zu ihrem Entsetzen ersehen habe, dass sein Geist sich in Verwirrung befinde. Nachdem ich Einsicht in seine Briefe genommen hatte, musste ich leider ihre Wahrnehmung bestätigen. „Welch ein Unglück! Arme Frau, da kann er nur gerettet werden, wenn Sie sofort nach Paris fahren, dort einen Arzt konsultieren. Er arbeitet zu angestrengt und hat gewiss gar keine Pflege!"

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