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Ost und West · 1906-01-01 · Heft 1 (Januar 1906) · p. Seite 49 - 50

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 1 (Januar 1906)
Article
Heinrich Redlich
Date
1906-01-01
Page
Seite 49 - 50 (sequence 5)
Language
German
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49 Lina Morgenstern: Heinrich Redlich. Frau Redlich meinte schluchzend: „Aber was mache ich mit den Kindern?* Für die werde ich sorgen, ich engagiere eine Kinderpflegerin und werde oft nach ihnen sehen." Die arme Frau reiste noch denselben Abend zu ihrem Mann. — Welch ein Wiedersehen! Heinrich war ganz melancholisch geworden, er sprach ganz unverständlich. — Die Wirtin meinte, er habe sich überarbeitet, von früh bis in die Nacht, und dabei kaum das Notwendigste genossen, so hatten die Kräfte schnell abgenommen, er habe auch immer nach Frau und Kindern gerufen. Frau Redlich bat sie, einen Nervenarzt herbeizuholen. Als dieser kam und sich mit Heinrich unterhalten hatte, erklärte er, es gebe nur eine Rettung, nämlich den Kranken sofort in eine Nervenheilanstalt zu bangen, er dürfe keinen Strich mehr an den Bildern tun. „Da muss ich sofort mit meinem Mann abreisen, denn hier können wir nicht bleiben." Zum Unglück erinnerte sich Frau Redlich an eine Nervenheilanstalt an der polnischen Grenze, an der ein befreundeter Arzt Direktor war. Statt nun mit dem kranken Gatten nach Berlin zu fahren, machte sie mit ihm die weit längere Reise nach jener Anstalt, Heinrich ahnte natürlich nicht, dass dies der Reise Ziel sei, sondern glaubte zu seinen Kindern zu fahren. Nach qualvoller Fahrt versank Heinrich in vollständige Apathie. Als sie endlich die Heilanstalt erreicht und dem Arzt den Patienten zugeführt hatte, erklärte dieser, dass schwache Hoffnung sei, vor einigen Monaten eine Heilung herbeizuführen, er würde ihr aber mehrmals wöchentlich Bericht erstatten. Mit •welch wehem Herzen Frau Redlich zu ihren Kindern heimkehrte, lässt sich in AVorten nicht aussprechen. Als ich sie wiedersah, konnte ich mich nicht enthalten, ihr Vorwürfe zu machen, dass sie ihren Mann in eine so weit entfernten Anstalt _ gebracht habe. Die unglückliche Frau holte ihren Mann sechs Wochen später auf die Nachrichten des Arztes hin aus jener Anstalt ab, da Heinrichs Zustand sich verschlimmert hatte, aber sobald er bei klarem Bewusstsein war, verlangte er sehnsüchtig nach Frau und Kindern. Frau Redlich brachte in Begleitung einesPflegers den kranken Mann heim, dessen Zustand sich zu bessern schien, als er JT/^ v. M&***£r: *: Der Hofnarr des Königs Sigmund von Polen. Gemalt »ml gestochen von Mciniicli Redlich. mit ihr vereint reiste, mit ihr sprechen konnte. Das Wiedersehen mit seinen Kindern versetzte ihn in einen Glückseligkeitswahn, aber zu sehr - war Geist und Körper zerrüttet, und der am anderen Tage herbeigerufene Arzt erklärte, dass der Unglückliche nicht im Hause bei den Seinen bleiben dürfe. Frau Redlich solle ihn in die Nervenheilanstalt des Dr. Edel nach Charlottenburg bringen, dort fände er die beste Pflege, und vielleicht sei eine Rettung möglich. In jener Anstalt besuchte ich den geisteskranken Freund und Künstler, dessen körperliche Kräfte fühlbar nachgelassen hatten. Als ich an sein Bett trat, in dem er still lag, reichte ich ihm die Hand und fragte, ob er mich kenne? Er lächelte und nickte be. jahend. Als ich nach einer Weile von ihm Abschied nahm, versuchte er sich aufzurichten, reichte mir beide Hände und sagte: „Auf baldiges Wiedersehen!" Schmerzlich bewegt schied ich von dem Kranken, der wenige Tage später von seinen Leiden durch den Tod erlöst wurde. Fassungslos betrauerte Frau Redlich ihren liebenswürdigen, edlen Gatten, der kaum das neunund vierzigste Lebensjahr erreicht hatte. Ihr blieb die schwere Aufgabe, die verwaisten Kinder zu erziehen. Sie schuf ihnen in Berlin ein dauerndes Heim, liess sie gute Schulen besuchen, gab den beiden Mädchen eine Berufsbildung, die älteste, Fanni, die Heinrich nach meiner Mutter genannt hatte, wurde Lehrerin, die zweite, Sophie, Musiklehrerin. Der ältere Knabe kam bis zu seiner Einsegnung ins Waisenhaus und besuchte dann die Webeschule. Bis . vor zwei Jahren besuchte uns Frau Redlich mit ihren Kindern, sie erzählte, dass _ der Ertrag von Heinrichs Bildern noch immer ihre Haupteinnahme zum Lebensunterhalt wäre. Seit jener Zeit habe ich nichts mehr von der Familie Redlich gehört. Es liegt die Vermutung nahe, dass sie auf Wunsch ihrer Verwandten wieder nach Warschau übersiedelt sind. Wir wollen hoffen, dass sie bei den entsetzlichen Zuständen, die jetzt in Russland herrschen, sich eines ungefährdeten Daseins erfreuen. m^. •'vjgrs oiäferii.

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