Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1906)
- Article
- Heinrich Redlich
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 45 - 46 (sequence 3)
- Language
- German
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Lina Morgenstern: Heini ich Redlich. 46 IIEINROI REDLICH. _ KUPFER SUCH. Die Vereinigung Litauens mit Polen auf dem Reichstag zu Lublin. Abgangszeugnis. Nun herrschte damals ein Gesetz, dass, wenn ein nicht ortsangehöriger unbemittelter Knabe der Schule entwachsen war, er in die Heimat zurückgeschickt werden musste, wenn seine Wohltäter ihn nicht adoptierten. Dies vermochten meine Eltern nicht, da sie selbst sechs Kinder hatten, von denen allerdings die Aelteste verheiratet war In Heinrich war auch die Sehnsucht nach seinen Eltern und der Heimat erwacht. So beschlossen meine Eltern, ihn nach Russisch-Polen zurückzusenden, aber nicht nach Lask, sondern vorläufig nach Kaiisch zu einem uns befreundeten Arzte Goldbeig, der nun weiter für die Ausbildung Heinrichs sorgen sollte, den meine Eltern wie einen Sohn, wir wie einen Bruder liebten. Meine .Mutter sorgte für eine gute Ausstattung, liess Heinrich bei unserem Rabbiner Dr. Geiger einsegnen und schickte ihn dann nachKaliscli zuDr.G.,dem sie einkleines Kapital für Heinrichs weitere Ausbildung" für ein Jahr zusandte. Dr. G. nahm Heinrich Redlich in sein Haus, erzog ihn mit seiaen Kindern und erfreute uns durch gute Nachrichten. Es geschah einmal, dass Fürst Galizin den Dr. G. als Patient besuchte. Als er durch das Vorzimmer kam, wo die Söhne des Arztes und Heinrich mit Aibeiten beschäftigt sassen. blieb der Fürst stehen und sprach mit den Knaben. Heinrich blickte den Fürsten aufmerksam an, und als dieser das Zimmer verlassen hatte, zeichnete er mit Eifer. "Was arbeitest Du so angestrengt? fragte einer seiner Kameraden, der ihm über die Schulter sah. „Ei, das ist ja unser Fürst Galizin! Wie gut hast Du ihn getroffen!" In diesem Augenblick kamen Dr. Goldberg und sein fürstlicher Patient durch das Zimmer. „Herr Fürst, schauen Sie einmal!" rief der jüngste Sohn Goldbergs und reichte das Blatt, das er Heinrich weggenommen, dem erstaunten Galizin. „Wer hat mich so schnell und gut gezeichnet?" fragte dieser. Heinrich stand auf, machte eine tiefe Verbeugung und bat um Entschuldigung. Dr. Goldberg erzählte nun, wie Heinrich in sein Haus gekommen sei und wie gern er sich zum Maler ausbilden möchte. Der Wunsch soll Dir erfüllt werden. Ich nehme Dich nach Warschau in die Zeichenakademie, und wenn Du diese fleissig zwei Jahre besucht haben wirst, wollen wir weiter sehen!" "Heinrich fiel vor Freude auf die Knie, dankte dem Fürsten; er versprach alles zu tun, um die Wohltat zu verdienen. In acht Tagen schon sollte er sich bereit halten. Wie glücklich machte es Heinrich, dies für seine ganze Zukunft entscheidende Ereignis seiner Wohltäterin, Frau Bauer, mitteilen zu können und ebenso seinen Eltern. Ehe Heinrich nach Warschau reiste, liess ihn Dr. Goldberg nach Lask zu feinen Eltern fahren. Man stelle sich die Glückseligkeit vor, welche diesen durch das Wiedersehen des Sohnes bereitet wurde, den Gott so wunderbare Wege durch vortreffliche Menschen geleitet hatte. In Warschau kam Heinrich in eine gute Pension, die Kosten wurden vom Fürsten Galizin und Dr. Gold-