Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1906)
- Article
- Heinrich Redlich
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 43 - 44 (sequence 2)
- Language
- German
- Belongs to
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43 Lina Morgenstern: Heinrich Redlich. -14 Da meine Mutter merkte, dass ihm das Deutsche sehr schwer zu sprechen war, ■ redete sie, die selbst Polin war, ihn in seiner Muttersprache an, was Heinrich so entzückte, dass er aufsprang und die Hände der edlen Frau küsste. ■ Er erzählte nun, ■ dass in Lask eine Visitation der russischen Behörde bei jüdischen Familien, sein sollte, um deren Söhne, sobald sie das zehnte Jahr erreicht hätten, den Eltern fortzunehmen und sie nach dem Kaukasus in Militärschulen zu senden, von wo sie nur selten je in ihre Heimat zurückkehren dürlten. Das Schicksal hätte auch ihn getroffen, da er 1840 geboren jetzt 10 Jahre geworden war, und so gaben die Eltern ihm eine kleine Barschaft und sagten: „Wir bringen Dich in die Nähe der Grenze, doch dürfen die "Wächter nicht merken, dass Du nach Deutschland auswandern willst, wo Du an allen kleinen und grossen Orten Wohltäter unter unseren Glaubensgenossen finden warst, bis Du nach Breslau kommst, dort melde Dich bei dem Vorstand der Gemeinde, man wird Dir helfen". — Wie schwer es mir auch wurde, ich sah ein, dass die Eltern mein Bestes wollten, liess mich warm ankleiden, nahm die kleine Barschaft in einem Beutelchen, unter meinem Anzug auf die Brust und ein Ränzchen mit meiner Wäsche, unter Schulheften und dem Gebetbuch auf dem Rücken. Unter Ermahnungen schieden die Eltern von mir, es sind jetzt schon vier Wochen her. Als der Wächter mich an der Grenze fragte, wohin ich gehe, sagte ich, Salz für meine Eltern kaufen, so liess man mich durch. — Nun wanderte ich von Dorf zu Dorf, bis ich in eine Stadt kam, in der ich fragte, wie weit es noch nach Breslau sei. Man lachte mich aus. „Jüngelchen, da kannst Du nie zu Fuss hinkommen. Dort ist das Posthaus, löse einen Fahrschein, dann fährst du sicher dort hin." Ich bat den Herrn, der so zu mir sprach, mir ein Billett zu kaufen, was das wohl koste? Als ich nun hörte, dass ich für den Betrag noch genug habe, ging ich mit dem Herrn zum Postschalter — und eine Stunde später fuhr ich durch immer ärger werdendes Schneegestöber hierher! Aber nun, als wir ankamen, hatte ich keinen Groschen mehr, und hätte mich der gütige Herr Bauer nicht gefunden, so wäre ich wohl auf der Strasse eingeschlafen und erfroren". Wie gespannt wir alle zuhörten, kann man sich vorstellen. Meine vortreffliche. >Mutter liess für Heinrich ein Bett herrichten, aber erst wurde er mit Hilfe unseres Bruders warm gebadet. Meine Mutter, die es sich stets zur Aufgabe gemacht hatte, verlassene Kinder zu retten, liess Heinrich Redlich nun ganz auf ihre Kosten erziehen. Sie brachte ihn zu einer braven Frau, die schon zwei ihrer Pfleglinge gut gehalten hatte, in Pension, meldete ihn in einer Bürgerschule an und gewährte ihm bei uns Freitische, um fortdauernd über seine Gesundheit und geistige Entwicklung zu wachen. Meine drei jüngeren Geschwister gaben ihm Unterricht. Heinrich war überaus glücklich und dankbar, machte bei Fleiss und Talent gute Fortschritte; Zeichnen war seine liebste Beschäftigung; er überraschte uns oft, indem er nach der Natur Abbildungen machte, die ganz vortrefflich geraten waren. Er war ein Lieblingsschüler seiner Lehrer, und nachdem er alle Klassen durchgemacht, verliess er die Schule mit glänzendem 'SS2?>. ' rm ▼V .dM». ■Vr/0»V .' v*fe 4 * * \K ^>flu? ' /• r % w-. > vi hl ff^J fr* ,-/ß:: * f £ ..S (" ■f* "V*" -/? Ad 4?:/'/ HEINRICH. REDLICH. KUPFERSTICH. Graf Kasimir Sapieha, Grosshetmann von Litauen und Woiwode von Wilna wird von dem Bischof von Wilna in Bann getan, weil er die Freigüter der Geistlichkeit mit russischen Truppen belegte.