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Ost und West · 1906-01-01 · Heft 1 (Januar 1906) · p. Seite 39 - 40

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 1 (Januar 1906)
Article
Lina Morgenstern
Date
1906-01-01
Page
Seite 39 - 40 (sequence 2)
Language
German
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3') Dr. Adolph Kohul: Lina Morgenstern, 40 Lina Morgenstern hatte — wie sie selbst einmal in einer. Autobiographie erzählte — an ihrer Mutter, einer geborenen Fanny Adler —Tochter des Senators Jakob Adler in der damaligen freien Reichsstadt Krakau —, das erste und schönste Beispiel werktätiger Nächstenliebe. Diese war schon als junge Frau Vorsteherin eines Vereins zur Ausbildung von Jungfrauen für einen Erwerbsberuf, auch hat diese allezeit ihre Fürsorge verlassenen . und gefährdeten Kindern geweiht. Schon als Konfirmandin — sie erhielt den Konfirmationsunterricht bei dem berühmten jüdischen Gelehrten und Prediger Dr. Abraham Geiger in Breslau — gründete Lina unter ihren Mitschülerinnen einen Pfennig verein zur Unterstützung armer Schulkinder, dessen Vorsitzende sie bis zu ihrer Verheiratung mit dem Kaufmann Theodor Morgenstern aus Wilna (1854) war. Die Erziehung und Pflege ihrer eigenen Kinder regte die junge Mutter zu pädagogischen Studien an. Von Frau Mahrenholtz-Bülow, die 1859 nach Berlin gekommen war, um die Frauen und Mütter für das System Friedrich Fröbels zu interessieren, veranlasst, rief sie einen Frauenverein zur Förderung der Kindergärten ins Leben, dessen Vorsitzende sie von 1862—66 war. Nach gründlichem Studium der zerstreuten Schriften von Fröbel, gestützt auf die Praxis des Kindergarten?, schrieb sie ihr weitverbreitetes Erziehungswerk: „Das Paradies der Kindheit." Dieruhmvollsle Tat ihresLebens war die Begründung des „Vereins der Berliner Volksküchen" im Jahre 1866, der mit ihrem Namen für alle Zeiten verknüpft sein wird. Diese Stiftung war eine wirkliche und hygienische Wohltat ersten Ranges, deren Zweck darin besteht, die nahrhaftesten, besten und reichhaltigsten Speisen den wenig Bemittelten und Bedürftigen zum Selbstkostenpreise zu verkaufen. In der ihr eigenen taktvollen und feinsinnigen Weise vermied sie es, die Enterbten der Vorsehung zu beschämen und auch selbst den Schein zu erwecken, als ob diesen ein sie bedrückendes Almosen gegeben würde. Die Bemühungen der wohltätigen Fee wurden von ausserordentlichem Erfolg gekrönt, denn die Berliner Volksküchen, die einem zwingenden und dringenden Bedürfnis entsprachen, nahmen einen ungeahnten Aufschwung und milderten die Not von Tausenden und aber Tausenden. Einflussreiche und hochstehende Männer und Frauen führten mit Begeisterung die Pläne der Stifterin aus, ihre Arbeitskraft den gemeinnützigen Zwecken ehrenamtlich zur Verfügung stellend. Viele Jahrzehnte hindurch war Lina Morgenstern die Seele und die Leiterin des Vereins der Berliner Volksküchen, und sie ist noch heute dessen Ehrenpräsidentin und Vorsitzende der Lokalvorstände, ebenso wie sie Präsidentin der mit dem Verein verbundenen Unterstützungskasse zur Speisung Notleidender in den Küchen ist. Es war für -sie eine erhebende Anerkennung, als die erste deutsche Kaiserin Augusta 1868 selbst den Wunsch aussprach, die Volksküchen zu besuchen. Nach mehrmaliger eingehender Besichtigung der Volksküchen und Prüfung der Schriften Lina Morgensterns, die bis dahin erschienen waren, übernahm die wohltätige Kaiserin das Protektorat über die Volksküchen und bewies ihre Teilnahme iür dieselben noch über den Tod hinaus durch eine Stiftung, deren Zinsen der Unterstützungskasse zugute kommen. Im selben Jahre rief Frau Morgenstern einen Kinderschutzverein ins Leben, um den Greueln der Engelmacherei und der erschreckend grossen Sterblichkeit der Säuglinge so viel als möglich einen Damm entgegenzusetzen. Als Gründerin und Vorsitzende des Kinderschutzvereins machte sie unendlich viele traurige, aber immer mehr zum Ziele führende Erfahrungen, legte aber 2 Jahre darauf den Vorsilz nieder, um während des deutsch-französischen Krieges an die Spitze eines Komitees zu treten, dessen Aufgabe es war, die durchziehenden Truppen zu verpflegen und später die Erkrankten, Verwundeten und Gefangenen zu pflegen. In das Jahr 1869 fällt ein anderes wohltätiges Werk von ihr, nämlich die Kiüierung einer Akademie zur wissenschaftlichen Fortbildung für junge Damen, wo sie 11 Hochschullehrer anstellte und selbst die zahlreich eintretenden Schülerinnen in der Wirtschafts- und Erziehungslehre unterwies. Im selben Jahre begründete sie in Gemeinschaft mit Louise Otto und Frau Bischoff den ersten Arbeiterinnenbildungs- Verein in Berlin mit einer Fortbildungsschule und Krankenkasse. Die Verteuerung der Lebensmittel nach dem Kriege gab ihr den Gedanken ein, 1873 den „Berliner Hausfrauenverein" zu schaffen, dessen Vorsitzende sie noch heute ist, und dessen Aufgabe darin besteht, gegen die Verteuerung und Verfälschung der Lebensmittel anzukämpfen. Innerhalb des Vereins begründete sie für die Mitglieder einen Konsumverein, der jedoch die Feindseligkeiten der Kautieute gegen das Morgensternsche Ehepaar hervorrief, die es durch ihre Treibereien zwangen, den Verein 1883 aufzulösen, wobei Frau Morgenstern und ihr Gatte leider ihr Vermögen verloren, da dieser die Garantie für den Verein übernommen hatte. 1878 stiftete sie die Kochschule des Berliner Hausfrauen-Vereins, die erste, in der Praxis und Theorie gelehrt wird, und die zur gedeihlichen Blüte gelangt ist. 1883 gewannen der Hausfrauen- Verein mit seiner Kochschule und der Volksküchen- Verein mit seiner Musterspeiseanstalt in der Beniner Ausstellung für Ernährung und Hygiene goldene Medaillen. Innerhalb des Hausfrauen-Vereins entstanden eine dauernde Lebensmittelausstellung mit Laboratorium zur Untersuchung der Nahrungsmittel sowie Kassen zur Unterstützung und Prämiierung von Dienstboten. Nicht allein die praktische und Erwerbstätigkeit des weiblichen Geschlechts suchte Lina Morgenstern mit nie ermüdendem Eifer zu fördern, sondern sie war

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