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Ost und West · 1906-01-01 · Heft 1 (Januar 1906) · p. Seite 41 - 42

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 1 (Januar 1906)
Article
Lina Morgenstern
Date
1906-01-01
Page
Seite 41 - 42 (sequence 3)
Language
German
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41 Dr. Adolph Kohut: Lina Morgenstern. 42 auch bemüht, das sittliche Niveau von Gefallenen zu heben. In diesem Sinne rief sie 1881 einen Verein zur Rettung und Erziehung Strafentlassener Mädchen für Haus- und Landwirtschaft ins Leben, der seit Jahren in Marienfelde bei Berlin segensreich wirkt. 1887 eröffnete sie mit 2 Berliner Aerzten Kurse für häusliche Krankenpflege. Vor gerade 10 Jahren — 1896 — berief sie den ersten internationalen Frauenkongress nach Berlin, und ihre zündenden Reden, ihre scharfsinnigen Ausführungen sowie ihre sympathische Persönlichkeit trugen nicht wenig dazu bei, die wichtigsten und bedeutsamsten Frauenfragen in Fluss zu bringen und die weitesten und einflussreichsten Kreise der-1 Gesellschaft für dieselben zu interessieren. Noch immer ist sie eine beliebte und gesuchte Rednerin auf den jeweiligen Frauenkongressen, ohne jedoch, wie gesagt, als Stürmerin und Drängerin aufzutreten und zu allerlei Exzentrizitäten und masslosen Forderungen, die nur die gute Sache diskreditieren können, sich hinreissen zu lassen. Ebenso hat sie sich als eine der rastlosesten und beredtesten Führerinnen der Friedensgesellschaft grosse Verdienste erworben, und es ist zu hoffen, dass ihr demnächst auch der Nobelpreis zuteil wird, der ihr mindestens in dem Masse wie der Frau Bertha von Suttner, die eines der langweiligsten Werke der deutschen Liteiatur: „Die Waffen nieder!" geschrieben, gebührt. Möchte dieser in ihrer Art einzig dastehenden Frau noch ein langer, heiterer und glücklicher Lebensabend beschieden sein, zur Freude ihrer zahlieichen Verehrer und Verehrerinnen in aller Herren Länder! HEINRICH REDLICH. Erinnerungen von Lina Morgenstern. Nachdruck verboten. Im Jahre 1904 brachte Ost und West ein Bild, „In der Bibliothek", gemalt von Heinrich Redlich, dessen wunderbarer Lebenslauf ebenso wie seine Kunstwerke das Interesse der Leser verdienen, weshalb ich es unternahm, von ihm zu erzählen, den ich seit seiner Kindheit gekann', dessen Entwicklung ich beobachtet, an dessen Schicksal ich den lebhaftesten Anteil nahm, bis zu seinem allzu frühen Tode 1889. Es war an einem eisigen, stürmischen Winterabend, im Jahre 1850, als mein Vater, Albert Bauer, die mit hohem Schnee bedeckten Strassen Breslau's durchschritt, um aus seiner Fabrik zu seiner Familie heimzukehren. — Ein klägliches Wimmern, das er hörte, veranlasste ihn, sich umzuwenden. Zusammengekauert auf einer Türschwelle sah er einen halb erfrorenen Knaben. Er bückte sich, um demselben aufzuhelfen, aber er musste dem Kinde Gesicht und Hände reiben und den Schnee von seinem Röckchen streifen, ehe der Kleine vermochte, seine erstanten Glieder zu rühren und sich aufzustellen. „Komm unter meinen Pelz, wo bist Du zu Hause, dass ich Dich zu Deinen Eitern bringe!" Der Kuabe begann zu weinen: „Nicht hier zu Hause, Vater und Mutter sind in Lask, ich komme von russischer Grenze." „Weine nicht," sagte mein Vater, „ich nehme Dich zu mir nach Hause, meine Frau wird sich Deiner annehmen, wie eine Mutter! Heinrich Redlich. Wie heisst Du?" „Heinrich Redlich ist mein Name, in Lask bin ich daheim!" Mein Vater merkte an der Sprache, dass er eines der unglücklichen jüdischen Kinder vor sich habe, deren so viele von ihren Eltern nach Deutschland geschickt wurden, um der russischen Knechtschaft zu entgehen. Bald war zum Glück unser Elternhaus erreicht. Wir Schwestern und mein Bruder sassen mit der von uns allen verehrten Mutter in der traulichen Wohnstube, als der Vater mit dem kleinen Heinrich hereintrat. „Hier, liebe Fanny, bringe ich einen halb erfrorenen Gast, dem Deine mütterliche Hilfe not tut!'"' Während wir mit Staunen den blonden Knaben anblickten, dessen blaue Augen ängstlich auf uns gerichtet Avaren, erzählte mein Vater, wie er diesen gefunden habe. „A^or allem muss er trockene Kleider und Schuhe bekommen und dann schnell etwas Warmes zu trinken und zu essen!" sagte meine Mutter. „Ich habe für die Bescherung armer Kinder einen Anzug, der ihm passen wird. Lina führe den Knaben in die Schlafstube, damit er gewaschen und angekleidet wird, Du weisst, wo die Sachen liegen." Eine Stunde später sassen wir zur Abendmahlzeit um den Familientisch und freuten uns, wie der kleine Lleinrich es sich wohlschmecken liess, wie glücklich es ihn zu machen schien, in unserem Kreise zu weilen.

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