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Ost und West · 1906-01-01 · Heft 1 (Januar 1906) · p. Seite 37 - 38

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 1 (Januar 1906)
Article
Lina Morgenstern
Date
1906-01-01
Page
Seite 37 - 38 (sequence 1)
Language
German
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37 38 LINA MORGENSTERN. Von Dr. Adolph Kohut. Nachdruck verboten. Energie ist die grösste Tugend des Menschen, sagt Alexander v. Humboldt; und wenn mit dieser Energie noch hervorragende Begabung und Begeisterung für alles Edle, Wahre und Gute und das Streben verknüpft ist, die idealen Güter der Menschheit zu mehren, den Volkswohlstand zu heben und die Not der Armen und Elenden nach Kräften zu mildern, so ist eine solche gottbegnadete Persönlichkeit, in der sich alle diese Eigenschaften zu einem harmonischen Ganzen vereinigen, eine gar seltene und wohltuende Erscheinung. Noch interessanter und lehrreicher gestaltet sich das kulturgeschichtliche Bild, wenn es eine Vertreterin des zarten Geschlechts ist, die unter den Pionieren der Kultur und des Fortschritts einen namhaften Platz einnimmt, den sie sich ausschliesslich durch ihre rastlose Tatkraft. und ihre glänzenden geistigen und Charakter- Eigenschaften zu erobern gewusst hat. Eine solche Frau ist auch die jetzt 75jährige Lina Morgenstern—geboren am 25.November 1830 als die Tochter des israelitischen Kaufmanns und Fabrikanten A. Bauer in Breslau — eine der ruhmreichsten Töchter Zions, auf die das moderne deutsche Judentum mit Fug und Recht stolz sein kann, denn sie hat stets das Banner ihres Glaubens und ihrer Abstammung hochgehalten und nie ihren Ursprung verleugnet. Ein an Mühen, Erfolgen und Ehren reiches Leben liegt hinter der Matrone, die übrigens sich noch immer durch eine geradezu bewunderungswürdige geistige Frische auszeichnet und mit erstaunlicher Rüstigkeit den grossen humanitären "Werken, die sie geschaffen, nach wie vor ihre ganze Kraft und Tätigkeit widmet, nicht minder auch in der Frauenbewegung unserer Tage noch immer an der Spitze der Kämpfenden und Ringenden steht. Sie kennt im Leben nur Mühe und Arbeit; gar manche herben und schweren Schicksalsschläge in ihrer Familie haben diese energische Frau, die mit der zähen Willenskraft ihres Stammes in ausserordentlichem Masse ausgestattet ist, getroffen, aber sie waren nicht imstande, ihre Schaffensfreudigkeit zu lähmen und ihren Optimismus und den lelsenfesten Glauben an den Fortschritt und an den endlichen Steg des Edlen und Wahren über das Gemeine, Schlechte und Korrupte zu rauben. Was diese Israelitin in des Wortes edelster und bester Bedeutung besonders ziert, Lina Morgenstern. ist der Umstand, dass sie bei all ihrem Eifer, womit sie allezeit bemüht war. die Gebiete der Erwerbsverhältnisse des weiblichen Geschlechts zu erweitern und die noch vielfach im Schwange sich befindlichen Vorurteile gegen so manchen Frauenberuf zu beseitigen, nie eine Emanzipierte in des Wortes anrüchigem Sinne war, vielmehr stets eine edle und reine Frau blieb, die für Haus und Familie lebte, ganz im Sinne des hohen Liedes Salomonis, worin in so unübertrefflich vollendeter und herrlicher Weise die Aufgabe des Weibes geschildert wird. Jede Frivolität und jede Sucht nach Sensationellem und Masslosem waren ihrer Seele fremd und die Ausschreitungen so mancher ihrer Genossinnen, die das sogenannte emanzipierte Weib in den Augen der Männer verächtlich machen, missbilligte sie. Den Kern ihrer Seele bildete eben immer die Liebe: die Liebe zu ihrem Gatten und zu ihren Kindern, die Liebe zu ihrem Stamm, die Liebe zur Menschheit und die Liebe zum Göttlichen, das von den Schlackendes Alltäglichen, Niedrigen und Hässlichen gereinigt erscheint. Es ist hier nicht meine Aufgabe, ein erschöpfendes Lebens- oder garLiteraturbild der hochbegabten und so hochverdienten Frau zu geben; die Raumrücksichten verbieten mir leider namentlich ein Eingehen auf die vielseitige schriftstellerische Wirksamkeit derselben, und so sei nur erwähnt, dass sie als Publizistin, Schriftleiterin und Verfasserin zahlreicher Werke auf den Gebieten der Jugendliteratur, der Volksemäbrung, der Gesundheitspflege und der Physiologie Ausgezeichnetes geleistet, dass ihre Schriften in die weitesten Schichten des Volkes gedrungen, in vielen Auflagen verbreitet und in zahlreichen Sprachen übersetzt sind. Eine glänzende Stilistin von ausserordentlicher Belesenheit, gründlichen Fachstudien und einem ausserordentlichen Reichtum an positiven Kenntnissen, wird sie auf dem Gebiete der Aufklärungsliteratur des deutschen Volkes stets einen bevorzugten Platz einnehmen, und ihre Schriften, die nicht für den Augenblick oder für den Tag bestimmt sind, werden voraussichtlich noch in kommenden Jahrhunderten gelesen, studiert und beherzigt werden. Hier wollen wir nur eine kurze Skizze ihrer gemeinnützigen, so heilsamen schöpferischen Tätigkeit seit einem Menschenalter, sowie ihrer erstaunlichen Taten als Philanthropin entwerfen.

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