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Ost und West · 1906-01-01 · Heft 1 (Januar 1906) · p. Seite 33 - 34

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 1 (Januar 1906)
Article
Betrachtungen über den modernen Synagogenbau
Date
1906-01-01
Page
Seite 33 - 34 (sequence 3)
Language
German
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Einst Hillcr:. Betrachtungen über den modernen Sy.nagoyenbau. Synagoge „Kneseth Israel" zu New York. Drangsalen getrotzt und eine ewig wirksame Kraft gewahrt hat, kann man abernicht durch jene mit Marmor- und Onyxsäulchen, Gold und Zierat operierende Kleinarchitektur gerecht werden, wie sie für den „Oraun" allgemein üblich ist. Diese Architektur erinneit zu sehr an die holzgeschnitzten Thoraschränke der mittelalterlichen Synagoge. Der heilige Schrank war in diesen unbedeutenden Bauten ein bewegliches Möbel, weil die damaligen Juden keinerlei politische Sicherheit genossen und in den Stunden der Gefahr ihr Heiligstes vor unberufenen Händen retten wollten. — Heute aber wähle man für die Ausbildung des Oraun die erhabensten Monumentalformen, die ein kostbares Material durchaus nicht ausschliessen sollen. Nur dadurch wird der Künstler nicht allein die Kraft des tausendjährigen Gesetzes und die Gewalt der heiligen Liebe, die das Innere des Oraun wahrt und hütet, zum Ausdruck bringen, nein, er wird auch rechtzeitig durch die festen und monumentaleren Formen des Oraun, die nichts mehr von einer Renaissance- Schrankarchitektur zeigen, für die gefestigte politische Weltstellung der Juden einen entsprechenden Ausdruck damit finden. Diesen gewinnt man durchaus nicht mit Kirchtürmen oder Rathaustürmen, mit denen es die modernen amerikanischen Synagogenbauer versuchen. Man lasse den Gesetzesplatz frei in den Raum vorspringen, und gebe dem ganzen Raum eine solche Gliederung, dass sich der Blick des Eintretenden nicht suchend darin verliert, sondern sich sofort auf diese ausgezeichnete Steile richten muss. Wo sich der zum Schäften berufene Baukünstler diese seelischen Forderungen des Judentums klar zum Bewusstsein bringt, muss er für die Synagoge eine Darstellung finden, die selbst bei Vernachlässigung der oder jener minder bedeutenden und wechselnden rituellen Forderung dem orthodoxsten Juden die Ueberzeugung abringt, dass hier etwas geschaffen ist,' das seinem innersten Empfinden, seiner rein seelischen Religionsauffassung entspricht. Campanile zu Venedig. So ein Bau wird als ein ungesuchtes „Eigenes" erscheinen und wird stets den Gegensatz zur Kirche sinnlich fühlbarmachen, gleichgültig, ob er ein festes oder bewegliches Gestühl in sich birgt, gleichgültig, ob die Bima in der Mitte oder an der Seile steht, ob eine Orgel daistoder nicht. Man trage aus einer Kirche alle beweglichen Ritusgegenstände heraus, man beseitige alle äusserlichen christlichen Wahrzeichen, und doch erkennt jeder aus dem „Bau für sich" die chrislliche Kirche heraus. Man schaffe aber in gleicher Weise alles aus einer modernen Synagoge heraus, und man weiss nicht mehr, was es ist! — Will man sich an einem prägnanten Beispiel den Gegensatz von Kirche und Synagoge zum Bewusstsein bringen, so wende man sich von der Dresdener Kreuzkirche, von ihren in sonnigen Farben und Formen leuchtenden Innern zu dem Semperschen Synagogenbau. In vorzüglicher Form bringt dieser Bau eines wahrhaften Künstlers das Verhältnis von Judentum zum Christentum zum Ausdruck. Und doch ist ausser den Arabesken, die die Wandfläche schmücken, kein orientalisches Motiv, trotz einiger romanischer Einzelformen kein besonderer Stil schreiend betont. Noch ist ja dieser Bau nicht das Ideal einer Anlage, aber man muss bedenken, dass dem Künstler dadurch, ausserordentliche Beschränkungen auferlegt waren, dass der grösste Teil eines begrenzten Baukapitals von der Fundierungverschlungen wurde. Es mag nach dem Gesagten als eine schwierige Aufgabe erscheinen, eine Synagoge zu bauen, da sich der Architekt vielfach Beschränkungen auferlegen und die einfachste Sprache wählen muss. Andererseits hat er aber für die Kerngestaltung wieder eine künstlerische Freiheit wie bei keiner anderen religiösen Bauaufgabe. Da jeder Künstler nur in der Erinnerung an selbst Geschautes und Erlebte?, d. h. nach seinen eigensten sinnlichen Vorstellungen eine Idee darstellen kann, so sind für ein und dieselbe Idee soviel Darstellungen

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