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Ost und West · 1906-01-01 · Heft 1 (Januar 1906) · p. Seite 35 - 36

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 1 (Januar 1906)
Article
Betrachtungen über den modernen Synagogenbau
Date
1906-01-01
Page
Seite 35 - 36 (sequence 4)
Language
German
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35 Ernst Hill er: Betrachtungen über den modernen Synagogenbau. 36 Synagoge in Budweis. (Erbaut von Fleischer im streng gothischen Stil, teilweise Anklang an das Strassburger Münster.) Kirche in der Brigittenau zu Wien. zu der links stehenden Abbildung der Synagoge Fleischer in Budweis.) Wenn auch die Synagoge in Budweis und die hier abgebildete Kirche in den Detailformen von einander abweichen, so ist doch der übereinstimmende Grundzug unverkennbar. Die Synagoge entbehrt den runden Chorabschluss, wodurch aber nicht augenfällig werden kann, dass dieser gothische Bau eine Synagoge ist. möglich, als es Menschen gibt. Die unterschiedlichen Schöpfungen der Individuen werden sich wieder aus Aehnlichkeiten zu Gruppen vereinigen lassen, und man wird finden, dass sich alle die Schaffenden zu einer Gruppe vereinigen, deren zeitliche und lokale Lebensbedingungen ähnliche waren, und deren Vorstellungen sich in den gleichen Grenzen des äusserlichen Anschauungskreises bewegten. So finden wir für die Idee des Kirchenbaues die verschiedenen Formen, die nationalen Variationen. Es gibt eine deutsche, englische, französische usw. Kirchenbaukunst, und doch ist ein überall durchleuchtender gemeinsamer Zug vorhanden, den man im engeren oder weiteren Sinne Stil nennt, die gemeinsame bewusste Idee, die bei allen gleich lebendig, nur der Zeit, Ort, Material und dergl. Verhältnissen entsprechend, so mannigfaltig und doch so übereinstimmend zum Ausdruck kam. Für die Idee des Judentums gibt es keinen Stil! Der pietätvolle Künstler, der danach sucht, ob diese Idee schon einmal in einer bestimmten Form ausgedrückt wurde, um seine Vorstellungen an diesem Vorbilde zu korrigieren und zu erweitern, findet nichts. Es gibt, wie schon anfangs erwähnt, kein brauchbares Vorbild für die Synagoge. Die Juden in Alexandrien, die sich unter den Ptolemäern der grössten politischen Freiheit, hohen Ansehens erfreuten, diese Juden, die Heerführer und Soldaten, Gouverneure und Beamte waren, brachten ihre bevorzugte dominierende Stellung in einer grossartigen Synagoge, die sie als ausgedehnte Basilika bauten, zum Ausdruck. Die Juden in Polen, die zwar kein so hohes Ansehen, aber persönliche Freiheit genossen, UDd unter einer toleranten Herrschaft friedlich leben konnten, haben sich ihrem geringen Wohlstände entsprechend in den Holzbauten eine rustikale, reizvolle Architektur geschaffen. Das politische und soziale Verhältnis der heutigen Juden in Deutschland entspricht weder dem der alexandrinischen noch dem der polnischen Juden. Deswegen klammere man sich nicht an diese oder ähnliche Schöpfungen, die zu sehr Sondererscheinungen sind, von Orts- und Zeit Verhältnissen abhängig, für uns keine bindende Geltung haben können. Es ist sicher, dass etwas Neues als Vollkommenes nicht mit einem Schlage geschaffen werden kann. Ein Stil ist nicht zu erfinden. Die kühnste Phantasie mag hundertmal das ganze Weltall umkreisen, sie bringt doch nur Erde nach Hause.

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