Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1906)
- Article
- Betrachtungen über den modernen Synagogenbau
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 31 - 32 (sequence 2)
- Language
- German
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31 Ernst Miller: Betrachtungen über den modernen Synagogenbau. 32 dieBriipken über den Jordan abgebrochen haben und vollkommen national mit dem Lande fühlen, das ihnen Heimat und Vaterland geworden ist. Hier leiht man sich zu der als sehr brauchbar erkannten Form der christlichen Kirche auch ihr christliches Architekturkleid, zum Erkennungszeichen wird einfach auf irgend ein Säulenkapitäl, einem Fries, oder einem bunten Glasfenster ein jüdisches S}'mbol oder Emblem eingeflickt, ein Davidschild, ein Löwe, das Wappentier Judas, eine Thorarolle oder dergl. Herr Dr. Grunwald versucht durch einen Aufsatz „über Synagogenbau" für die Anschauung Boden zu gewinnen, dass allein der gotische Stil der für eine Synagoge geeignete sei, die Betonung der Vertikaltendenz dieses Stiles bringe so recht das Aufwärtsstreben, das zum Himmel "Wachsende zum Ausdruck! — Gewiss — aber welche Religion strebt nicht zum Himmel. Das Ziel alier Kunst ist: „eine Idee in sinnlicher Form zum sprechenden Ausdruck zu bringen.1* Eine Synagoge soll also als Kunstwerk die Idee des Judentums in sinnlicher Form darstellen. Da sich aber die Idee des Judentums in einem unüberbrückbaren Gegensatz zur Idee des Christentums befindet, so muss sich dieser Gegensatz doch auch gerade im Gotteshause zum wahrnehmbaren Ausdruck bringen lassen. Diesen Gegensatz nicht auszudrücken, heisst die Religionsauffassung verschleiern. Man muss „das Land der Griechen mit der Seele suchen!" Die Gelehrsamkeit, der der Baukünstler die Kenntnis der historischen Tatsache verdankt, dass die Juden aus Palästina stammen, führt ihn nicht zu ,'dem gewünschten Ziele. — Er muss sich klar machen, dass die Juden an die Messiasbotschaft des Jesus nicht glauben konnten, dass sie den wahren Messias noch erwarten, der ihnen das Heil bringen soll, die Versöhnung mit Gott und Welt. Die christliche Kirche hat den Messias anerkannt! Für sie ist eine göttliche Freudenbotschaft damit auf die Welt gekommen. Welcher innerliche Gegensatz! Dort der Zweifel, Duldung, Harren — hier der seligmachende Glaube. Jesus selbst empfand diesen Gegensat/* Synagoge zu Arkansas Little Rock. Der Tempel. (Auch <lic Synagoge 211 Albany ist der jede Synagoge erschien ihm zur Verkündung dieser Freudenbotschaft ungeeignet. Die sonnige freie Natur seiner gesegneten Heimat, der lachende Himmel selbst dünkte ihm das einzig entsprechende Tempeldach! — Die schnell fortschreitende Machtentwickelung der Kirche, der sich bildende Welteinfluss des Christentums haben aber die späteren Zeiten immer wieder zu dem Versuch getrieben, die Idee des Christentums in einer sinnlichen Form zu bilden. Erst in schüchternen, aber durchaus selbständigen, dann in immer klareren und bewussteren Formen entwickelt sich die Kunst des christlichen Kirchenbaues und gelangt z. B. in Deutschland in den romanischen und gotischen Wunderbauten zum reinsten und vollkommensten Ausdruck. Was hat die Synagoge mit diesem Jubelzuge sinnbildlicher Darstellung der Idee des Christentums zu tun? — Heisst es nicht die Idee des Judentums entstellen anstatt darstellen, wenn man ihr die aus ihrem Gegensatze geborenen Formen verleibt? Um die Idee des Judentums zur sinnlichen Darstellung zu bringen, muss der Künstler mit Bewusstsein auf diese Formen verzichten, muss Gold, Prunk, Zierat, grelle und leuchtende Farben vermeiden. Er darf die monumentale Baumasse nicht auflösen zu einer Befreiung und Erlösung atmenden leichteren Form. Ueber der „ewigen Lampe", der Flamme der Hoffnung und Erwartung, wölbe sich ein einfacher ernster Raum. Ueberall strenge ruhige Linien. Die Fenster klein, um dem Raum Abgeschlossenheit zu geben. Abgeschlossenheit sei die Tendenz der ganzen Anlage; keine sich der Welt öffnenden Monumentalportale, ein feierlich ausgebildeter Vorhof vermittle angenehm den Uebergang von aussen zu innen. Breit und schwer laste der Bau auf dem Erdboden, gewissermassen die Jahrtausende alte in ihm verkörperte, unerschütterlich festgehaltene Anschauung vergegenwärtigend. Im Innern wähle man ganz ruhige Flächen. Aber an jener Stelle spare man nicht an erhabenen Formen, wo die Liebe und tiefe Verehrung für das Gesetz einen besonderen Platz verlangt. Der hohen Weltbedeutung, die dieses Gesetz hat, das Jahrtausende allen Schicksalen, Kriegsstürmen, Vertreibun- Kirche zu Brooklyn-New York. Sen und den Schweriner rechts abgebildeten Kirche ähnlich.) Sten menschlichen