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Ost und West · 1906-01-01 · Heft 1 (Januar 1906) · p. Seite 13 - 14

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 1 (Januar 1906)
Article
Die russische Revolution und die Judenfrage
Date
1906-01-01
Page
Seite 13 - 14 (sequence 5)
Language
German
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13 Die russische Revolution und die Judenfrage. 14 Opfer der Judenverfolgungen in Russland. (Jüdischer Gymnasiast. Hervorragendes Mitglied der „Selbstwchr'. Er Plünderer uivj (inen sie lieschützcndcn Polizisten und wurde von herbeici! niedergeschossen.) Befestigung der im Manifest gegebenen Rechte und Freiheiten beschäftigen, mit der Ausarbeitung neuer Gesetze über die Presse, Vereine und Versammlungen, über die Sicherung der Unantastbarkeit der Persönlichkeit und der bürgerlichen Freiheit, über die Neugestaltung des Reichsrates und des Senates, der zentralen und lokalen Verwaltungsbehörden, über die Reform der lokalen Selbstverwaltung, über den Anteil der Bauern an Grund und Boden, über die Regulierung der Lage der Arbeiter, über Streiks und Arbeiter- Koalitionen, über die Herstellung der Ordnung in den höheren und Mittelschulen usw., wobei ganz unerwähnt sind die laufenden unaufschiebbaren Aufgaben der Prüfung des Budgets der Einnahmen und Ausgaben des Reiches usw. Alle diese Arbeiten werden die Aufmerksamkeit und die Tätigkeit der Duma so sehr in Anspruch nehmen, nicht nur in der ersten Session, sondern noch weit in die Zukunft hinein, dass sie keine Zeit haben wird, sich mit der Judenfrage zu befassen. Mit diesem Problem beschäftigt man sich nur dann und stellt es nur dann in erster Reihe auf, wenn es sich um neue Beschränkungen handelt; aber wenn von deren Abschaffung die Rede ist, oh, dann bedarf es dazu des geeigneten Augenblicks, besonderer Stimmung, entsprechender Bedingungen. Wenn also die Duma auch aus lauter Rodiczews bestände, so müssten die Juden doch noch lange warten, bis dieser Moment kommen würde; dauerten doch sogar die Sitzungen des Semstwokongresses ein volles Jahr, bis er sich zu einer Resolution über die Judenfrage aufraffen konnte. Aber die Rodiczews werden ja in der Duma nur eine kleine Minorität bilden; die Mehrheit wird sich aus Indifferenten und aus direkten Judenfeinden von der Partei Suworin u. Co. zusammensetzen. Und alle diese Herren werden sich sagen: was wir wollten, haben wir töiete mehreie :enden Kosaken erreicht, und uns mit ganz abstrakten Prinzipien zu beschäftigen, dazu haben wir jetzt nicht die Zeit. Die Forderung der Juden nach Gleichberechtigung ist ebenso abstrakt wie die Forderung der Autonomie Polens, der Nationalisierung von Grund und Boden usw., alles Dinge, die uns Realpolitiker jetzt unmöglich beschäftigen können, die wir einstweilen gänzlich ignorieren müssen, um uns ausschliesslich um unsere eigenen Angelegenheiten zu kümmern. So werden die Gemässigten von diesen Herren sagen: die Eifrigeren aber werden es kaum unterlassen, von der Unverschämtheit dieser Forderungen der Juden zu reden, die nur die Volksvertreter in ihrer Arbeit an den allgemeinen Reichsfragen störten,so wie sie ja immer und überall in Russland nur gestört hätten. Sie waren ja die Feinde Russlands beim alten Regime und sie sind jetzt die Feinde des neuen Regimes, und gegen diese Ruhestörer muss man den Kampf lediglich verschärfen. Und wenn sich dann auch eine oder mehrere St i in m c n z u r Ve rte id i g ung d e r Ju den e r h eb cn werd e n — was werden sie gegen den geschlossenen Chorus ihrer Gegner ausrichten und vor allem gegen die völlig apathische Gleichgültigkeit der überwiegenden Majorität? Nehmen wir aber selbst an, das Unglaubliche könne geschehen: die ganze Judenfrage wird mit einem Federstrich erledigt! Wird denn damit wirklich das Problem gelöst sein? Selbst in diesem Falle erscheint uns die Hoffnung auf ein zukünftiges friedliches Leben des jüdischen Volkes in Russland sehr vage und zweifelhaft. Die jahrzehntelange Rechtlosigkeit der Juden, sowie der administrative Druck und die Verhetzung der übrigen Bevölkerung haben das russische Volk zu sehr daran gewöhnt, die Juden als Parias zu betrachten, für die das Recht nicht existiert und gegen die jede Gewalt erlaubt ist. Diese Anschauung hat zu tief im Volke Wurzel gefasst, als dass die rein rechtliche Emanzipation der Juden das Verhältnis der Masse zu ihnen sollte bessern können. Und wenn bis in die letzte Zeit hinein die Bewegung gegen die Juden stets einen mehr zufälligen und sporadischen Charakter trug, so hat sie in den furchtbaren Tagen des 18. bis 23. Oktober sich von so riesiger Dimension gezeigt, als so weit über das ganze russische Reich verbreitet, dass sie unverwischbare Spuren auf den breiten .Volksmassen hinterlassen haben muss. Und bei der Eigenart der Massenpsychologie wird das Resultat nicht etwa das sein, dass Leute, die sich zu den Schandtaten haben mit lortreissen lassen, ihre Uebeltat einsehen und sich Mühe gehen, sie wieder gut zu machen, sondern das Gegenteil, dass sie sich noch mehr in ihr Unrecht verbeissen und sich noch feindlicher gegen die Opfer ihrer Gewalt-

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