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Ost und West · 1906-01-01 · Heft 1 (Januar 1906) · p. Seite 15 - 16

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Journal
Ost und West
Volume
6 (1906)
Issue
Heft 1 (Januar 1906)
Article
Die russische Revolution und die Judenfrage
Date
1906-01-01
Page
Seite 15 - 16 (sequence 6)
Language
German
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15 Die russische Revolution und die Judenfrage. 16 tätigkeiten benehmen. Die unschuldigen Opfer erwecken lediglich, statt eines Mitgefühls, neuen Reiz zur Frevel tat und Lust, ihnen neue Schläge zu versetzen. So hat denn auch bisher der Antisemitismus in Russland sich immer dann gesteigert, wenn irgendwo ein Pogrom stattfand. Dann hat immer die Presse ihre Ausfälle vergröbert und von neuem Krieg gegen die Juden gepredigt; die Gesellschaft wurde feindlicher gestimmt und die Regierung verschärfte ihre Repressalien immer dann, wann man meinen sollte, das reine Mitleid mit den unglücklichen Opfern hätte eine Linderung ihres Schicksals bewirken müssen. Und so hat auch jetzt in den Oktobertagen der Antisemitismus eine so starke neue Grundlage erhalten, hat einen so dichten Bodensatz in den untersten Volksschichten gelassen, dass es viele Jahre brauchen wird, bis dieser Hass allmählich zu schwinden beginnen könnte. Dabei möge man sich ja nicht mit dem Gedanken trösten, dass mit den Schrecken des 18. bis 23. Oktober der Leidenskelch des jüdischen Volkes erschöpft sein müsste: nichts bürgt dafür, dass die Progroms nicht in einem Jahre, in zwei Jahren und noch Gott weiss wie oft sich wiederholen werden. Andererseits wird, wie jetzt, die Stimmung der Volksmassen der Regierung und der Intelligenz als genügende Entschuldigung für ihr negatives Verhalten zur Judenfrage dienen. Und diese Berufung auf die Gefühle des Volkes ist ein zu zugkräftiges Mittel, als dass man nicht auch in der Zukunft den Gebrauch davon machen sollte, den man bisher so oft mit Erfolg davon gemacht hat. Wenn also selbst — und das wäre der beste Fall — die Duma die Judenfrage rechtlich aufheben würde, so wäre damit durchaus für die Juden die Gefahr neuer Massakres nicht beseitigt, und nach wie vor würden Leben und Eigentum der Juden in ständiger Unsicherheit schweben. Und diese Gefahr und Unsicherheit wird sich natürlich noch ganz wesentlich vergrössern. wenn die Duma die Judenfrage nicht erledigt und dadurch die Juden in derselben rechtlosen Lage wie bisher verbleiben. Die meisten Chancen sind leider für die letztere Möglichkeit, wie oben ausgeführt wurde, dass nämlich die Duma diese ganze Frage offen Jässt. So stehen die Aussichten der russischen Juden auf einen Auswegaus der jetzigenfurchtbaren Lage. Noch nie haben die Juden einen so wichtigen historischen Moment erlebt — einen Augenblick, der so viele ernste Konsequenzen in sich birgt. Wenn die Juden bis jetzt mit ihrer rechtlosen Lage sich abfanden, wenn sie mit teilvveisen Erleichterungen zufrieden waren, so werden sie jetzt, nach den durchlebten Gräuelszenen, nach allen von ihnen dargebrachten Opfern, wenn nun das ganze Opfer der Judenverfolgungen in Russland, (Iiimordete.« jüdisches Kind. Rechts: Eine abgeschnittene Hand eines Erwachsenen. Land die Freiheit bekommt und nur sie allein ausgeschlossen bleiben, diese Schande der Erniedrigung einfach psychisch nicht ertragen können. Materiell sind sie ruiniert, zum grossen Teil dem Hunger und der Armut preisgegeben. Beinahe 300 kleine Städte sind vernichtet; und die schreckliche Krise im ganzen Lande richtet noch diejenigen zugrunde, die von der verheerenden Wirkung der Progroms unberührt blieben. Fast das ganze Volk besteht nur noch aus Armen und Hungrigen, unter denen die etwas Wohlhabenderen eine kleine Minderheit bilden. Wie während einer Feuerbrunst rennen die Leute herum, wahnsinnig vor Entsetzen und Verwirrung, ohne zu wissen, was sie tun, was sie unternehmen sollen. Die allgemeine Verzweiflung ist das Zeichen des Tages. In diesem wichtigen historischen Augenblick richten sich die Augen aller russischen Juden auf ihre Brüser in Europa und Amerika. Sagt doch auch der Talmud, dass die Eingekerkerten sich selbst nicht befreien können. Die russischen Juden zweifeln nicht an dem Mitgefühl ihrer westlichen Brüder — die grossen Spenden, die nach Kischinew und Hornel und jetzt nach den Oktober-Gräueln aufgebracht wurden, sagen genug. Aber Spenden allein sind noch wenig. Die Juden brauchen jetzt Eines noch nötiger als Geld, sie brauchen jetzt die ganze konzentrierte geistige Energie des jüdischen Volkes; um ihnen zu helfen, bedarf es der Zusammenfassung aller seiner psychischen und moralischen Kräfte. Grosse historische Momente stellen auch grosse historische Aufgaben. Und einen solchen Moment erlebt jetzt die Judenheit. Jetzt ist die Zeit gekommenn, da die Juden aller Länder sich zu einem allgemeinen jüdischen Verband vereinigen und sich ernstlich mit der Lösung der Judenfrage beschäftigen müssen. Schon vor 60 Jahren ist die Notwendigkeit eines solchen Verbandes klar gewesen. Aber im Verhältnis zu den Zielen und Aufgaben, die er sich damals gestellthatte, war dasFeld derTätigkeit zu klein,sodass er mit der Zeit wieder zerfiel. Jetzt stellt die Zeit grössere Aufgaben vor uns, deren Lösung nicht im Bereich der Möglichkeit einzelner Individuen, auch nicht einzelner Vereine und Verbände liegt, sondern für die die Sammlung aller Kräfte der gesamten Judenheit erforderlich ist. Alle diese verstreuten, gesondert wirkenden Kräfte müssen sich jetzt vereinigen, um einen allgemeinen jüdischen Verband zu bilden, und dieserVerband muss die Lösung der Judenfrage zu seinem Programm machen. Mehr als je muss jetzt das jüdische Volk in seiner Gesamtheit die tiefe Wahrheit des Satzes seines alten Weisen erkennen: Wenn ich nicht für mich bin, wer ist dann für mich — und wenn nicht jetzt, wann denn?

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