Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1906)
- Article
- Die russische Revolution und die Judenfrage
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 11 - 12 (sequence 4)
- Language
- German
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11 Die russische Revolution und die Judenfrage. 12 Arbeiterschaft hat das jüdische Proletariat doch immer seine Hoffnungen gesetzt, wie auf Brüder im Unglück. Und wo waren denn diese Arbeiter, als arme Juden erschlagen und des letzten Restes ihrer Habe beraubt wurden? Sind sie in jenen Orten zur Verteidigung dieser Armut aufgetreten, wo doch Arbeiter in grosser Zahl vorhanden waren, wie in Odessa, Jekaterinoslaw, Kiew, Rostow etc.? Wenn man die Beschreibungen der Pogroms aus dem Munde der unglücklichen Opfer hört, so weiss man nicht, worüber die Verzweiflung grösser sein sollte: über die kannibalischen Instinkte und die Bestialität des ungebändigten Mob oder über die Teilnahmslosigkeit und Schadenfreude der Mittelklassen und der lokalen sogenannten Intelligenz, die ruhig mit angesehen haben, was rings um sie geschah, und die es für überflüssig erachteten, sich in eine fremde Angelegenheit einzumischen, und sogar den unschuldigen Opfern, die unter ihrem Dache Rettung suchten, das Asyl verweigerten und die Unglücklichen mit ihren Frauen und Kindern schonungslos aus ihren Häusern hinauswarfen in die Klauen wilder Tiere! Der einzige Lichtstrahl in diesem grausig düsteren Bilde war die Stimme des Semstwo- Kongresses in Moskau in den ersten Novembertagen. Nachdem derKongress zwölf Tage hindurch alle möglichen Fragen debattiert und die verschiedensten Beschlüsse gefasst hatte, nachdem sechzig Redner heftig gegen die Verhängung des Kriegszustandes über Polen gesprochen hatten, erinnerte man sich endlich auch noch der Juden. Die Herren Rodiczew une Kowalewski hielten zur Verteidigung der Juden zwei flammende Reden, deren die Juden immer in Dankbarkeit gedenken werden, da Edelmut und warmes Empfinden aus ihnen sprachen. Der Kongress, durch diese Reden hingerissen, nahm einstimmig eine von den Rednern vorgeschlagene Resolution an, in der er den Juden sein Mitgefühl aussprach und der bestimmten Erwartung ihrer baldigen Rechtsgleichheit mit den anderen Bürgern Russlands Ausdruck gab. - •'*. ' v 1 . > : 1 st -.1 4 *f i;h> % ■ -~. .. W _ _ v Opfer der Judenverfolgungen in Russland. (Jüdischer Handwerker, Mitglied der „Selbstweht" und des „Bundes»", gefallen im Kampfe mit den Hooligans und den Kosaken.} Nun stehen die Juden aber vor.der schrecklichen Frage: was weiter? Zugegeben selbst, dass nach allen Wirren und Unruhen die Reichsduma sich versammeln wird. Wird sie endlich die Judenfrage lösen? Leider müssen wir bei der eben kurz skizzierten Lage der Juden in der dem Zusammentritt der Reichsduma vorangehenden Phase, der Periode der sogenannten Freiheitsbewegung die bejahende Antwort auf diese Frage sehr bezweifeln. Die Duma wird soviel zu tun haben, dass sie „keine Zeit" haben wird, sich mit der Judenfrage zu beschäftigen. Hat doch sogar der Semstwo-Kongress, der im Laufe des Jahres einige Male versammelt war, erst in der letzten Session im November, nach zwölftägiger Beratung über andere Dinge, endlich einmal die Möglichkeit gefunden, auf diese Frage einzugehen. Was soll man da von einer Reichsduma erwarten, in der mit den Rodiczews und Nabakows doch auch die Suworins und Kruschewans nicht nur zusammensitzen, sondern sogar die Mehrheit bilden werden? In einem Falle wäre die Möglichkeit einer Lösung der Judenfrage noch vorhanden, wenn nämlich die Duma ihre Tätigkeit mit der Abfassung eines Grundgesetzes über die Rechte aller Staatsbürger, einer „declaration des droits de l'homme" begänne. Dann würde mit den anderen grossen Prinzipien des Rechts und der Gerechtigkeit wohl auch das Prinzip der Gleichheit aller vor dem Gesetz verkündet werden, womit im Grunde die Judenfrage'beseitigt wäre. Aber auch dann würde die Frage nur prinzipiell gelöst sein, und durchaus nicht auch faktisch, ebenso wie im Manifest vom 17. Oktober alle Freiheiten verkündet wurden, während de facto doch die alten beschränkenden Bestimmungen zum grossen Teil weiter bestehen blieben. Auch hier werden ganz spezielle Gesetze nötig sein, um dieses listig geflochtene Netz von Beschränkungen zu zerreissen, das seit einem Jahrhundert immer dichter den Juden von der Geburt bis zum Tode auf allen Seiten umspinnt. Wird die Duma dazu genug Energie und Konsequenz haben? Auf ihrer Tagesordnung werden j'a so viele Fragen stehen, die ein gewisses Vorrecht werden beanspruchen können. Und so ist es denn wahrscheinlich, dass die Duma sich mit einer Erklärung der Grundrechte nicht befassen, dass sie vielmehr das Manifest vom 17. Oktober als eine solche Erklärung ansehen wird. Darüber, dass dort die kleine Formel von der Gleichheit aller vor dem Gesetz keine Aufnahme gefunden hat, wird man sich kaum mehr sehr beunruhigen; jreinige, vielleicht sogar die Mehrheit werden sich darüber nicht wenig freuen. Das, was alle anderen brauchen, ist ja gegeben, und was noch nicht gegeben ist, betrifft ja nur einen kleinen Teil der Bevölkerung, gerade vier Prozent; lohnt es denn, sich deshalb zu beunruhigen? Die Duma wird sich also vorerst mit der