Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1906)
- Article
- Die russische Revolution und die Judenfrage
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 9 - 10 (sequence 3)
- Language
- German
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9 Die russische Revolution und die Jadenfrage. 10 elementarsten Rechte noch zu berauben. Mit keinem einzigen Wort haben sie sich für die Menschenrechte der Juden eingesetzt. Allerdings haben diese besten Söhne Russlands sich auch passiv verhalten, als der entfesselte Mob in Kischinew und Hornel die Juden überfiel und sie Folterqualen und Scheusslichkeiten erdulden liess, die die ganze Menschheit erschauern machten. Sie haben auch auf diese unerhörten Freveltaten kaum reagiert. Aber die cwigenldealisten haben sich auch darüber getröstet: die Presse schwieg und verteidigte nur deshalb die Juden nicht, weil sie jaselbstunterdrückt war und den Kopf nicht zu erheben wagte; was Kischinew und Hornel betrifft, so haben ja die „RusskijaWjedom osti"x) schliesslich einiges geschrieben, und Nabakow hat im „Prawo"2) einen herrlichen Artikel „Blutbad vonKischinew" veröffentlicht, wofür er selbst und seine Wochenschrift sogar bestraft wurden . . . Allerdings, als die Freiheitsbewegung bereits offen und energisch eingesetzt hatte und die Gesellschaft schon alle möglichen Forderungen und Resolutionen, bis zur polnischen Autonomie, aufgestellt hatte, wurde von den Juden noch immer nichts erwähnt. Doch auch hier war eine tröstende Antwort bereit; man spricht nicht ausdrücklich von den Juden, weil ihre Gleichberechtigung in der Forderung nach Gleichheit aller ohne Unterschied der Nationalität und des Glaubensbekenntnisses ja mit eingeschlossen sei! Nun aber kamen nach dem 17. Oktober die schrecklichen Tage vom 18. bis 23. Oktober. An 300 Orten wurden die Juden geplündert, beraubt und ermordet in einer Art und einem Umfang, die alles weit übertrafen, was die jüdische Geschichte bis jetzt gekannt hatte, und die von neuem die ganze Menschheit in Empörung versetzten. Hat aber jetzt die russische Gesellschaft diese furchtbaren Ereignisse beachtet? Hat sie ihrer Entrüstung und ihren) Entsetzen Ausdruck gegeben in Meetings, Resolutionen, in Spenden zugunsten der unschuldigen Opfer? Nein, auch hier haben die Juden eine bittere Enttäuschung erlebt. In den Pogroms und Verfolgungen der Juden wollte man nur einen Teil der allgemeinen r) ^Bedeutende liberale Zeitung 2) Fortschrittliches Organ. Opfer der Judenverfolgungen in Russland. (Ermordeter jüdischer Vater mit zwei Kindern.) Opfer der Judenverfolgungen in Russland. (Krmordetc jüdische Mutter unl Kind. Im Hintergrund ihre Ii 1.11c Verfolgung der Intelligenz sehen, und darum sprach man in allen Protesten gegen die Polizei und die „Schwarze Bande", nur von den an der Intelligenz begangenen Missetaten und nicht von ermordeten Juden. Und doch waren 99% der Erschlagenen eben nur Juden! Als gleichzeitig mit den Massenmetzeleien der Juden über Polen der Kriegszustand verhängt wurde und in Kronstadt die Matrosenmeuterei ausgebrochen war, wegen deren ein Kriegsgericht zusammentreten sollte, da war des Protestes und des Entrüstungsgeschreis gegen die Verhängung desKriegszustandes und gegen die Möglichkeit einer strengen Bestrafung der Auiständischen kein Ende. Meetings wurden einberufen, flammende Reden gehalten und Resolutionen gefasst, und der Rat der Arbeiterdeputierten proklamierte gemeinsam mit anderen Organisationen einen Generalstreik. Aber als zur selben Zeit Tausende unschuldiger Männer, Frauen und Kinder von Bestien in Menschengestalt niedergemetzelt und zerfleischt wurden, als dies alles von Polizei und Lokalbehörden nicht nur ruhig zugelassen, sondern sogar unterstützt und geleitet wurde, da hat derselbe „Rat der Arbeiterdeputierten", der für Freiheit und soziale Gerechtigkeit kämpft, es nicht für nötig gehalten, auch nur mit einem Protest gegen die Plünderer und Mörder oder wenigstens mit einem Worte des Trostes für die unglücklichen Opfer hervorzutreten, — wie wenn das eine fremde Sache wäre, die ihn gar nichts anginge. An die Verfolgungen der Bureau- Kratie, an den Indifierentismus der Intelligenz und das Uebelwollen der höheren und mittleren Klassen sind die Juden schliesslich schon gewöhnt; aber auf die Arbeiter, auf die organisierte