Ost und West
- Journal
- Ost und West
- Volume
- 6 (1906)
- Issue
- Heft 1 (Januar 1906)
- Article
- Die russische Revolution und die Judenfrage
- Date
- 1906-01-01
- Page
- Seite 7 - 8 (sequence 2)
- Language
- German
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7 Die russische "Revolution und die Juden frage. 8 Schrecken des Mittelalters verblassen. Wir wollen uns nichtinSchilderungen der Tatsachen ergehen; noch leben sie zu frisch in unser aller Erinnerung. Vor den russischen Juden aber steht jetzt die Frage: was weiter? Und dazu möchten wir einiges sa^'en. Opfer der Judenverfolgungen in Russland. (Ermordeter jüdischer Lehrer. Tm Hintergrund seine trauernde Gattin.) Bis jetzt haben sich die Juden der Hoffnung hingegeben, dass mit der Freiheitsbewegung auch die Judenfrage ihre Lösung linden werde. Die Juden, die immer und überall an dem Kampf für die Freiheit der Völker teilnahmen, haben auch im russischen Befreiungskampf gegen die alte Gewalt- und Willkürherrschaft tapfer mitgefochten und ihm nicht geringe Opfer gebracht. Und nicht, um sich Freiheit und Gleichberechtigung zu erwerben, haben die Juden gekämpft. Diese ewigen und unverbesserlichen Idealisten, die in den vordersten Reihen standen, wo es die russische Freiheit galt, haben an sich überhaupt nicht gedacht; und wenn die Skeptiker unter ihnen darauf hinwiesen, dass die Juden sich vor allem um sich selbst bekümmern und erst einmal die elementarsten Menschenrechte für sich erringen müssen, um wenigstens auf gleicher Stufe zu stehen mit den anderen Bürgern des Landes, die nunmehr schon ihre politische Freiheit erstreben — dann haben ihnen die begeisterten Kämpfer geantwortet, das sei ja überflüssig, das alles werde von selbst kommen, wenn erst die allgemeine politische Freiheit erreicht sein werde. Und endlich kam der heissersehnte Tag: ein Manifest wurde erlassen, das dem russischen Volke die neue Aera politischer Freiheit ankündigte. Eine Konstitution wurde gegeben, und die verschiedensten Freiheiten und Rechte wurden gewährt oder doch versprochen: Freiheit der Presse, Vereins¬ und Versammlungsfreiheit, Gewissensfreiheit, Unantastbarkeit der Persönlichkeit, Teilnahme an der Gesetzgebung. Nur eines wurde nicht gegeben und nicht einmal versprochen: die Gleichheit aller vor dem Recht. Die Juden blieben nach dem Manilest dieselben Parias, die sie vorher waren. Aber die guten Idealisten haben sich auch hier einen Trost gesucht; von der Bureaukratie sei ja die Lösung der Juden frage ohnedies nicht zu erwarten gewesen, sie habe sich dieser Frage ja schon vor sieben Monaten entledigt und sie der Duma überwiesen; und wenn die Duma zusammentreten werde, wenn sich die gewählten Volksvertreter versammeln werden, dann werden sie zugleich mit der Durchführung aller anderen Freiheiten auch die Freiheit und die Emanzipation der Juden verwirklichen. Der Glaube an die zukünftigen Volksvertreter war stark und felsenfest. Sind doch die Erwählten des Volkes die Hoffnung des ganzenLandes, das Salz der russischen Erde1) — sind doch auf sie alle Blicke und die Zuversicht aller gerichtet. Wäre denn zu erwarten, dass diese besten Söhne Russlands, zum erstenmal im Tempel der Freiheit versammelt, um dem russischen Volke den Weg zum neuen Leben zu weisen, ihre Biüder jüdischen Glaubens, die hundert Mal mehr, als alle anderen Bürger Russlands den Druck der Gewaltherrschaft auf sich lasten fühlten, die mit ihnen um die Freiheit gekämpft haben und für sie in den Tod gegangen sind, vergessen werden? Wäre es denn zu glauben, dass sie einer so unerhörten Widersinnigkeit zustimmen und eine Konstitution bestätigen würden, die nicht auch die Gleichheit aller vor dem Gesetz enthielte, dass sie in einem Atem die Rechtlosigkeit der einen und die Freiheit für die anderen verkünden könnten, um so die neue Verfassung in den Augen der ganzen zivilisierten Welt als eine Spottgeburt erscheinen zu lassen? Allerdings haben diese besten SöhneRusslands während der letzten zwanzig Jahre hartnäckig geschwiegen, als die empörenden Hetzen gegen die Juden inszeniert wurden, als ein Gesetz nach dem anderen erschien, um die Juden auch ihrer letzten r) Russischer Ausdruck für „Das Beste" usw. Opfer der Judenverfolgungen in Russland. (Hingeschlachtete jüdische Kinder.)