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Ost und West · 1905-12-01 · Heft 12 (Dezember 1905) · p. Seite 783 -784

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Image: UB Frankfurt, Visual Library (IIIF)
Journal
Ost und West
Volume
5 (1905)
Issue
Heft 12 (Dezember 1905)
Article
Bileams Eselin
Date
1905-12-01
Page
Seite 783 -784 (sequence 2)
Language
German
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783 Dr. Max Steif: Bileams Eselin. 784 solche rentable Lobrede halten konnte. Sie, da klappt nicht alles. Und da drängt sich mir immer mehr die Vermutung auf, dass diese ganze Erzählung in der Bibel, Sie verstehen, nichts anderes als eine pure Erdichtung sei. Einfach eine Fälschung, — ein nachträgliches Einschiebsel. Hab' ich recht?" Für unsere Eselin hätte sich jetzt endlich die gewünschte Gelegenheit geboten, als einziger überlebender Gewährsmann jener hochbedeutsamen Geschichtsepisode ein gewichtiges Wort mit dareinzureden. Leider hatte sie aber, wie man aus der Bibel weiss, einer vorangegangenen Meinungsdifferenz mit ihrem Herrn wegen nicht persönlich an dem berührten Auftritte auf den Flöhen des Pisgah teilnehmen können. Und da sie, obwohl judenfeindlich durch und durch, doch nicht, wie ein moderner Judenfeind es an ihrer Stelle sicherlich getan haben würde, lügen mochte, so schwieg" sie lieber. Eine kleine Verlegenheitspause entstand. Dann aber fuhr der Gelehrte mit gleichem Eifer wie früher fort: Also ich sehe, dass Sie meiner Behauptung nicht widersprechen. Aber ich gehe noch weiter. Meine Hypothese mag etwas kühn erscheinen, doch ich bin in der Lage, unwiderlegliche Argumente ins Treffen führen zu können. Ich möchte nämlich auch behaupten, dass Bileam gar nicht der eigentliche Name Ihres Gebieters gewesen. Bileam — Volksverschlinger! Ist es denkbar, dass ein Bileam einen solchen Namen geführt? Da liegt meiner Meinung nach ganz entschieden eine absichtliche Verdrehung von Buchstaben vor. Der wahre Namen dürfte etwa Buleom gewesen sein, vom griechischen ßulomai oder besser Buleomai hergeleitet, und bedeutet soviel, wie der „Ratgeber". Nun? das leuchtet doch ein?" Das selbstzufriedene Gesicht des Gelehrten erwartete bedingungslose Zustimmung von unserer Eselin. Dieser ward aber vor soviel Gelehrsamkeit ganz angst und bange. Sie sah es schon, dieser Mann wäre imstande, sie selbst mittels seines profunden 'Wissenskrams in das Reich der Fabel hineinzuargumentieren und aus hundert Beweisen ihre Daseinsunmöglichkeit zu folgern. Zum Glück wurde in diesem Augenblick ein neuer Besuch. angemeldet, und unsere Eselin erfasste rasch und glücklich diese Gelegenheit, der Gelehrtenhöhle zu entrinnen. "Wie nun unsere Eselin ein wenig niedergeschlagen über die Erfolglosigkeit ihres ersten Versuches durch die geräuschvollen Strassen dahinging, fiel ihr mit einem Male ein Schild in die Augen, worauf mit grossen Lettern zu lesen stand: Redaktion des antisemitischen Tageblattes. ATelleicht versuchst du hier dein Glück, fuhr es ihr durch den Kopf. Gedacht, getan. Und so betrat sie kurz entschlosssen die Redaktionsstube, liier hatte man ihr Eintreten infolge des lärmenden Klappems einer Schere, mit der jemand eilfertig Zeitungsausschnitte machte, überhört, und unsere Eselin musstc sich mehreremals laut räuspern, bis man ihre Anwesenheit bemerkte. „Wünschen?" fuhr sie endlich ein etwas beleibter Herr mit rötlicher Nase an. „Ich bin die Eselin des grossen Bileam und möchte meine Dienste anbieten." Lim, hm, machte der Dicke, glaube Ihren Namen schon einmal gehört zu haben. Sind akzeptiert, können gleich Ihren Posten antreten. Schreiben vielleicht eine ganze Artikelserie: über den Schwindelgeist der alten Hebräer. — Vorderhand wollen es aber mit Ihnen als Spezial - Berichterstatter über Ritualmorde versuchen. — Sind Sie bewandert in den jüdischen Geheimschriften? Oder wenigstens im Eisenmenger, Rohling etc.? — Nicht? — Dann wird;s schwer halten! Nebenan bitte sich weitere Informationen zu holen — habe momentan keine Zeit — bin stark in Anspruch genommen — neue jüdische Skandalaffäre." — Damit kehrte die Rotnase unserer ganz verdutzt dreinschauenden Eselin wieder den Rücken zu. Also wieder nichts. Was waren dies auch für sonderbare Namen und Dinge, A'on denen sie nie in ihrem ganzen Leben etwas gehört. Unserer Eselin wurde ganz traurig zu Mute. Unschlüssig drehte sie sich auf ihrem Absätze hin und her, um endlich doch lieber, ebenso unbemerkt wie sie hineingekommen, sich davon zu schleichen. — Durfte sie sich beklagen? War nicht dies alles eine gerechte Vergeltung für die an ihrem einstigen Herrn begangene Treulosigkeit? Unter solchen Selbstvorwürfen war sie unvermerkt und ungewollt zu einem Restaurationslokal gekommen, durch dessen weit geöffnete Türflügel sie in einen Riesensaal blicken konnte, aus dem ein lärmendes Stimmengewoge ihr entgegendrang. Im ersten Augenblicke vermochte sie nichts zu unterscheiden, ein solch schwerer Dunst von Rauch, Bier und "Wein lag über allen Köpfen. Endlich entdeckte sie auf einem erhöhten Podium einen Mann, der mit seiner Faust auf den vor ihm stehenden Tisch schlug, dass die Biergläser darauf nur so erklirrten. Abgerissene Worte drangen jetzt auch zu ihr herüber: Fremdcngefdhr — Schutz den eigenen Interessen — Selbsthilfe — Kampf —. Das letzte musste besonders gefallen haben. Dröhnendes Beifallklatschen ertönte, und der Ruf: hoch unser wackerer Volksvertreter! "Volksvertreter, war das nicht so etwas, wie der Beruf ihres ehemaligen Herrn? Und auch das, was jener dort oben sprechen mochte, deckte sich das nicht zum Teil mit den Ansichten, die sie von ihrem Gebieter als teures Vermächtnis überkommen? Vielleicht hatte ein gütiges Geschick ihr doch endlich den Richtigen in den Weg geschickt! Wer konnte es wissen? Klopfenden Herzens drängte sie sich jetzt vor. an den einzelnen Tischreihen vorüber, bis sie fast ans Podium gelangt war. Tn diesem Augenblicke fühlte sie sich plötzlich von einigen festen starken Händen ergriffen. Hinaus! hinaus mit dem Juden! Fort mit dem frechen Eindringling! Sie wehrte sich, wollte sprechen. Es half nichts, man Hess sie gar nicht zu Worte kommen. Und schon lag sie auch draussen vor der Saaltür und das Bewusstsein drohte ihr zu schwinden. Da verspürte sie, wie jemand sie aufzurichten suchte. Es

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